von B.M. Strebel
Die Erotik der Unbesiegbarkeit oder:
Xena für
Anfängerinnen
Kommentar
In a time of ancient gods,
warlords, and kings,
a land in turmoil cried out for a hero.
SHE was Xena, a mighty princess, forged in the heat of
battle.
The power, the passion, the danger.
Her courage will change the world.
(Aus dem Vorspann von Xena)
Vielleicht, liebe Leserin, lieber Leser, ist es Ihnen schon einmal passiert, dass Sie beim sonntagnachmittäglichen Zappen versehentlich bei den Helden am Sonntag auf RTL gelandet sind und sich kopfschüttelnd gefragt haben, wer um alles in der Welt sich einen solchen Schwachsinn ansieht. Verblödete Teenies, denken Sie abschätzig, ungebildete Proleten und frustrierte Typen mit unterdrückten Machtphantasien! Herkules, dieser muskelbepackte Softie mit der unerträglichen Frisur Wer kam bloss auf die absurde Idee, dem Götterspross diesen effeminierenden Langhaarschnitt zu verpassen?!? ist ja schon schlimm genug, immerhin sind wir seit Jahrzehnten an schleimige Helden auf dem Bildschirm gewöhnt. Aber seine schwertschwingende Kollegin Xena die Kriegerprinzessin schlägt an Debilität nun wirklich alles auf dem Feld martialischer Fernsehserien bisher Dagewesene. Kann man wirklich länger als fünf Minuten bei dieser idiotischen Sendung verweilen?
Man kann. Und frau ganz besonders. Es gibt insgesamt sechs Staffeln von Xena, das sind 134 Folgen (à 45 Minuten, macht ergo 6030 Minuten oder 100 und eine Halbe Stunde Sendezeit), und ich gestehe: ich habe sie alle gesehen, jede einzelne von ihnen. Mindestens ein Mal. Und fürs Protokoll: das Teenager-alter habe ich seit bald zehn Jahren hinter mir, statistisch gesehen würde ich wohl zu der so genannt "gebildeten Schicht" gezählt werden müssen, und was die Machtphantasien angeht, so habe ich die zumindest so gut verdrängt, dass ich mir nicht bewusst bin, welche zu haben. Und dennoch, ich gebe es gerne zu, liebe ich Xena die Kriegerprinzessin aus tiefstem Herzen! Ja, ich bin regelrecht süchtig danach, und eine Sucht verschlimmert sich bekanntlich mit zunehmendem Konsum.
Nun ist es keinesfalls so, dass ich Xena uneingeschränkt gut finden würde. Weit gefehlt! Es gibt tatsächlich unerhört viel Schrott in dieser Sendung. Allem voran diese unsäglichen Kampfszenen, die mit zunehmender Laufzeit der Serie länger und brutaler werden, genauso wie die miserablen Spezialeffekte und die billigen Kulissen, für die sich jede Laienbühne schämen würde. Das durchschnittliche Niveau der Geschichten liegt etwa auf der Stufe von Superman und die Psychologie der Charaktere könnte einem Annabelle-Persönlichkeitstest von der Art "Sind Sie die ideale Partnerin?" entnommen sein. Dies alles wären in der Tat Gründe genug, den Fernseher nach fünf Minuten abzuschalten und Xena für immer aus dem Bewusstsein zu verdrängen. Wenn da nicht die feine (Selbst-)Ironie wäre, die unter all dem Müll verborgen schlummert und darauf wartet, von der Zuschauerin entdeckt zu werden. Diese Doppelbödigkeit, das Augenzwinkern und leise Lachen auf den Stockzähnen, das ist es, was diese Serie zu einem Genuss macht. Und wann immer den Machern und vor allem Macherinnen der Serie die Ironie abhanden kommt, droht die Sache ins Unerträgliche abzugleiten. (So zur Genüge geschehen in der fünften Staffel, aber dazu später mehr.)
Schon das Konzept der Sendung gibt Anlass zum Amüsement, vorausgesetzt, man gehört nicht zu der Sorte humorloser Bildungsbürgerinnen, welche bei jeder modernistischen Neuinszenierung von Sophokles, Shakespeare oder Schiller Zeter und Mordio schreien, denn die Drehbuchschreiber von Xena bedienen sich schamlos und ohne jegliche Skrupel aus dem Fundus des Weltkulturerbes. Antike Götter treten ebenso selbstverständlich auf wie römische Cäsaren, Gestalten aus der Bibel, Figuren aus Shakespeares Dramen und Personen aus Wagners Opern. Schauplätze sind Griechenland, Rom, China, Indien, der hohe Norden und der wilde Westen. Gedreht wurde in Neuseeland. Weder interessieren sich die Macher von Xena für historische Authentizität, noch für kulturelle Sensibilitäten oder Treue zur literarischen Vorlage. Stattdessen bekommt Xena in jeder Geschichte ihren Platz und viel, viel Sendezeit. Das, liebe Schwestern, ist die matriarchalische Wiederaneignung der Kulturgeschichte, courtesy of Universal Studios. Und weil ich gewillt bin zu glauben, dass es den Schöpfern von Xena keine Minute Ernst war mit der Sache, finde ich das höchst erfrischend und wirklich amüsant. (Für Leute, die zum Kulturpessimismus nei-gen, ist Xena allerdings in der Tat schwer verdauliche Kost. Wenn man an all die bedauernswerten Teenies denkt, die hinterher ernsthaft glauben, Aphrodite hätte sich einmal pro Jahr liften lassen und bei den Nibelungen hätten Aliens ihr Unwesen getrieben, könnte einem direkt schlecht werden!) Im Übrigen muss man die Macher von Xena für ihre Immunität gegenüber der Angst, sich lächerlich zu machen, geradezu bewundern. Dies ist wahrer Heroismus im Zeitalter des Turbo-Kapitalismus: Wen stört ein wenig schlechter Geschmack, so lange die Kasse stimmt?
Doch, um die Wahrheit zu sagen: Der unbekümmert zur Schau gestellte Wille zum schlechten Geschmack und der erfrischende Mangel an Ehrfurcht vor den Klassikern allein hätten mich nicht dazu verleiten können, unzählige Stunden vor dem Fernseher zu verbringen. Dazu bedurfte es eines Kunstgriffes mehr, nämlich des geradezu genialen Schachzuges, die Rolle der Xena, dieses männlichsten aller männlichen Superhelden, mit einer Frau zu besetzten. Denn tatsächlich ist Xena nichts mehr und nichts weniger als ein männlicher Held in einem weiblichen (und äusserst femininen) Körper, besitzt sie doch sämtliche Eigenschaften des Helden schlechthin: Sie ist eine unbesiegbare Kämpferin, schön und stark, edel und mutig. Daneben gibt sie sich in bekannter Heldenmanier einsilbig und verschlossen, wobei sich hinter der harten Schale der sprichwörtliche weiche Kern befindet. Nun will ich nicht behaupten, dass die Figur der Superheldin an sich so neu und originell wäre; spätestens seit Lara Croft wissen wir, dass sich herumballernde Sexbomben durchaus verkaufen lassen. Im Falle von Xena allerdings hat der erwähnte Kunstgriff ungeahnte und vermutlich ungeplante Folgen, die durchaus Originalitätswert beanspruchen können.
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