von B.M. Strebel
Die Erotik der Unbesiegbarkeit oder:
Xena für
Anfängerinnen
Kommentar Teil 2
Eine Fernsehserie ist kein Computerspiel, und begreiflicherweise wollten die Produzenten daher für Xena keine gefühllose Kampfmaschine à la Lara Croft erschaffen. Allerdings konnten sie aus ebenso einsichtigen Gründen auch keine dieser zahllosen Fernsehheldinnen in der Hauptrolle gebrauchen, die nur so lange mutig, stark und unabhängig bleiben, bis das passende Hosenbein auftaucht, um ihnen die ganze mühsame Arbeit abzunehmen. In beiden Fällen hätte Xena die erste Staffel kaum überlebt. So sahen sich die Damen und Herren Produzierenden unversehens vor die Frage gestellt, wie sich eine Superheldin porträtieren liess, die unabhängig und stark sein soll und trotzdem Gefühle zeigen darf.
Betrachten wir das Problem einmal etwas genauer. Männliche Helden, so entsinnen wir uns, pflegen ihre emotionalen Bedürfnisse (in welch rudimentärer Form auch immer) durch je nach Serie häufigere oder weniger häufige Liebesabenteuer mit schönen Prinzessinnen, frischen Dorfmädchen oder gegebenenfalls auch Göttinnen zu befriedigen. Im Übrigen ziehen wahre Helden in der Regel allein durch die Welt und geniessen ihre (sexuelle) Freiheit in vollen Zügen. Helden werden bekanntlich auch nicht schwanger, und die Söhne von richtigen Helden nehmen es ihren Vätern auch nicht übel, wenn sie vaterlos aufwachsen, sondern sitzen mit aufgesperrten Ohren am Herdfeuer und lauschen aufgeregt und glücklich den Erzählungen fahrender Sänger über die Heldentaten von Papa. Heldinnen dagegen... Ich glaube, Sie sehen das Problem, geschätzte Leser. (Wie viel Absurdes dabei herauskommt, wenn Superheldinnen plötzlich schwanger werden, kann man übrigens ausgezeichnet an der unsäglichen fünften Xena-Staffel studieren. Aber das nur so nebenbei.)
Es scheint, als hätte der Erfinder von Xena eines Morgens den Geistesblitz gehabt, eine Actionserie mit einer weiblichen Hauptrolle zu besetzen ohne sich der Konsequenzen eines solchen Schrittes bewusst zu sein. Wie jedes Kind weiß, leben Heldengeschichten von einer Hand voll immer wiederkehrenden Zutaten: Da gibt es die Übeltäter, die beseitigt, die Armen, die unterstützt und die schönen Jungfrauen, die gerettet werden wollen. Ein so archaisches Genre wie das Heldenepos lässt sich nicht über Nacht modernisieren. Oder könnten Sie, werte Lesende, sich etwa vorstellen, dass bei den Helden am Sonntag plötzlich hilflose blonde Jünglinge aus flammenumhüllten Burgen gerettet werden?
Nein, natürlich nicht. Oder glauben Sie, dass es möglich wäre, unsere dominante Heldin an der Seite eines gleichberechtigten, ebenso starken Partners in den Sonnenuntergang reiten zu lassen? Oder dass sich im antiken Griechenland gar ein passender Hausmann finden liesse, der unsere Heldin von Kindern und Windeln befreien würde? Wenn sie auch nur annähernd eine Ahnung von Heldentum haben, müssen Sie auf diese Frage mit einem entschiedenen "Nein!" antworten.
Kein Mann und schon gar keine Männer in der Mehrzahl konnten das dramaturgische Problem von Xena lösen. Die Lösung, liebe Schwestern, wir sagen es gern und mit Genugtuung, war wie so oft eine Frau. Eine Gefährtin musste her, und das Dilemma war beseitigt. Eine Frau, so war den Schöpfern instinktiv klar, passte ganz wunderbar in die Rolle der Begleiterin, denn Frauen dürfen sich ungestraft unterordnen und ihren Helden grenzenlos bewundern, neuerdings sogar, wenn der Held ebenfalls eine Frau ist. Frauen dürfen einander gern haben, sich gegenseitig retten und retten lassen und das alles, ohne dass sie Gefahr liefen, dabei schwanger zu werden. Im Übrigen können in einer Actionserie nicht genug hübsche Frauen vorkommen. Et voilà: Gabrielle die Bardin war erfunden. Was den Xena-Erfindern vielleicht nicht so klar war, ist, wozu es führen muss, wenn zwei treue Gefährtinnen 134 Folgen lang Seite an Seite durch die Welt ziehen und gemeinsam jede Menge Abenteuer bestehen. Richtig: Xena avancierte flugs zum Geheimtipp aller Lesben der westlichen Hemisphäre, die wie ich einen Hang zum Kitsch haben.
Und das, liebe Leserinnen, ist das Ironischste an Xena: Gerade weil die Heldenserie ein zutiefst konservatives Genre ist und die Produzenten daran (zumindest anfänglich) auch gar nichts ändern wollten, wurde Xena ganz unverhofft und ungeplant nicht nur zur feministischen aller TV-Heldensagas, sondern auch zur absolut schönsten, romantischsten Liebesgeschichte zweier starker Frauen, die man sich ausdenken kann. Hier wird zusammen gekämpft, gelitten und gestorben, was das Zeug hält. Von gemeinsamem Schicksal ist die Rede und von ewiger Verbundenheit, von Treue bis über den Tod hinaus und endloser Liebe. Das, lieber Leser, liebe Leserin, hat epische Qualität, ist so wunderbar und herzerwärmend, dass man sich am Ende nicht einmal mehr über die Feigheit aufregen mag, mit welcher sich die Produzenten und Drehbuchautorinnen davor drücken, sich von dem platonischen Mäntelchen zu verabschieden, das sie der Liebe unserer beiden Heldinnen umgehängt haben. (Und vermutlich wäre die Serie nur halb so unterhaltsam und witzig, wenn der Zwang zur Fassade die Drehbuchautoren nicht immer wieder zu Zweideutigkeiten inspiriert hätte.)
Feigheit hin oder her, eines muss man den Macherinnen
der Serie lassen: Die Frauen darin dürfen
kompromisslos mutig, stark und selbstbestimmt sein. Hier
gibt es keine männlichen Helden, die ihnen zu Hilfe
eilen müssen, und die Männer (Entschuldigt, liebe
Leser!) spielen hauptsächlich die Rollen
hässlicher Bösewichte oder liebenswürdiger
Trottel und sind nicht viel mehr als Zielscheiben für
Xenas Fusstritte und Schwerthiebe. Allerdings und
darüber sollten wir nicht zu leichtfertig hinweg
sehen, liebe Schwestern müssen wir
Zuschauerinnen uns auch damit auseinander setzen, dass die
einzigen ernst zu nehmenden, aber auch mit Abstand
brutalsten und unmenschlichsten Gegner von Xena fast
ausschliesslich Frauen sind. Das ist zwar als
dramaturgisches Konzept durchaus interessant, aber von
einem feministischen Standpunkt aus betrachtet, nicht
unbedingt begrüssenswert.
Aber was fasele ich da von Feminismus? Denkt im Ernst eine,
irgendein Verantwortlicher von Universal Studios
hätte etwas mit Feminismus am Hut? Feminismus ist, wie
wir alle wissen, eine ernsthafte Angelegenheit und wie alle
ernsthaften Angelegenheiten anstrengend. Aber Xena
will nicht anstrengen, sondern unterhalten. Darum: lehnen
wir uns zurück und lassen wir uns entführen, in
eine Zeit, wo noch die antiken Götter herrschten und
Könige und Helden lebten, in das Land, wo so viele
unserer wirklich grossen Epen herkommen nach
Griechenland. (Nicht Hollywood, ihr Deppen!)
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