Ab in den Süden
South of Nowhere: Spencer & Ashley
von LeMeep
Sommer, Sonne, Strand und Lesben
In Kürze: Welch besserer Ort um sich über seine sexuelle Orientierung klar zu werden als der Strand?
Morgens vor der Schule sitzt eine sehr ernsthafte Spencer vor ihrem Laptop und chattet mit sportygrrll darüber, woher man weiß, ob man lesbisch ist oder nicht. Dabei wird sie erst von ihrer lieben Frau Mutter gestört, die lautstark das Frühstück ankündigt, und dann von einer neuen Botschaft, die auf ihrem Desktop erscheint: "Schau aus dem Fenster". Neugierig tut Spencer wie ihr befohlen und erblickt draußen eine bereits strandfertige Ashley, die sie überreden will, die Schule zu schwänzen. Dazu bedarf es nur eines Dackelblickes aus für Spence unwiderstehlichen braunen Augen, und schon macht sich die bisherige Vorzeigetochter auf, um sich von Ashley vollends verderben zu lassen. Mama Carlin protestiert als Spencer zur Tür hinaussegeln will ohne von dem extra fabrizierten French Toast zu kosten, doch ihr Nachwuchs bindet ihr nur eine gehörige Lüge auf und verschwindet flugs, den misstrauischen Blick ihrer Mutter im Nacken.
Auf dem Weg zum Strand versucht Spencer sich daran zu gewöhnen, dass sie etwas verbotenes tut, was natürlich für Bad Girl Ashley absolut nichts neues ist: "Wenn ich noch mal erwischt werde, flieg ich von der Schule". Linientreu wie Spencer nun mal ist, will sie deswegen gleich umkehren, doch ihre Freundin zaubert eine gefälschte Entschuldigung aus dem Nichts, auf der nur noch eingetragen werden muss, bei welchem ihrer zahlreichen Therapeuten sie angeblich gerade einen Termin hat. Spencer findet soviel Skrupellosigkeit etwas erschreckend weil sie (noch) Probleme damit hat, ihre Eltern zu belügen. Kryptisch antwortet Ash: "Manchmal muss man lügen, um zu überleben. Und manchmal nicht."
Während der schulpflichtige Rest der Carlin-Familie in der Schule eingeschlossen wird und der erwerbstätige Teil auf eine handfeste Ehekrise zusteuert, genießen Ashley und Spencer ihren freien Tag am Strand. Nachdem sie sich in die anscheinend recht frischen Fluten gewagt haben und wieder auf ihren Badetüchern trocknen, ergreift Spencer die Gelegenheit um ein wichtiges Gespräch zu führen: "Ich glaube... ich glaube ich mag Mädchen." - "Mögen-mögen?" fragt eine äußerlich coole Ashley zurück. "Ich denke schon. Aber woher weiß man, ob man..." - "...lesbisch ist?" beendet Ash ihren Satz und zieht dabei suggestiv eine Augenbraue hoch. Aber als Spencer bejaht, drückt sich ihre in diesen Dingen sonst nicht auf den Mund gefallene Freundin vor einer Antwort. "Ich muss das erst mal verarbeiten."
Später laufen die beiden gemeinsam am Ufer entlang und Ashley hatte wohl inzwischen genug Zeit, Spencers monumentale Ankündigung zu verdauen, denn sie spielen den "Stehst du auf Frauen?"-Quiz. Jeder beantworte die Fragen für sich selbst, um herauszufinden, zu wie viel Prozent man wirklich lesbisch ist:
- 1. Wer ist schärfer, Avril Lavigne oder Lindsay Lohan?
- 2. Welcher Film gefiel dir besser, Blue Crush oder Thirteen?
- 3. Für zwei Eintrittskarten zur Ellen DeGeneres-Show und den ersten beiden Staffeln von The L-Word auf DVD küsst Tom (Cruise) Katie (Holmes). Wen würdest du küssen?
- 4. In der Umkleidekabine nach dem Sport: hingucken oder wegschauen?
Spencer entscheidet sich für Avril (gute Antwort), Thirteen (falsch, keine Bikinis), Katie (zwar richtig, aber trotzdem ew) und hingucken (uneindeutig) und erhofft sich aus dieser erklecklichen Mischung eine definitive Antwort auf die Frage, ob sie nur experimentiert, verwirrt ist oder wirklich richtig lesbisch. Ashley setzt schon an, sie aus ihrem Elend zu erlösen, da laufen zwei Surferjüngelchen vorbei, und mit Ashleys Konzentration ist es ebenfalls vorbei. Sie spricht die beiden sofort an und lädt sie ein, sehr zu Spencers offensichtlichem Missfallen.
Spencers Laune ist nicht besser geworden als sie und Ashley wieder am Strand sitzen und die beiden Surfertypen gerade aus dem Wasser kommen. "Warum hängen wir überhaupt mit denen rum?" will Spencer wissen, doch Ashley scheint zu fasziniert von der ganzen männlichen Augenpracht vor ihr, um auf das Insistieren ihrer Freundin einzugehen: "Du hast kein Problem." - "Na schön, aber was auch immer ich habe, es ist sehr verwirrend!" Ashs heißer Flirt mit einem der Surfer ist nur noch ein weiterer Nagel im Sarg dieses "besonderen Tages".
Das Fass läuft vollends über, als die aufdringlichen Typen die beiden Mädchen zu sich nach Hause einladen. Ashley sagt sofort ja, Spencer hingegen besteht darauf, dass sie jetzt heim müssten. Das wiederum versteht ihre Freundin nicht so ganz, also fühlt Spencer sich bemüßigt, es laut und deutlich auszusprechen: "Den ganzen Tag lang habe ich versucht, mit dir über etwas sehr wichtiges zu reden, und du willst dich nur vergnügen mit diesen Jungs hier!". So wie sie "Jungs" betont, könnte sie genauso gut von Nacktschnecken sprechen oder etwas ähnlich appetitlichem. Langsam dämmert den Surfertypen, dass sie wohl nicht so populär sind wie sie dachten, und dieser Verdacht wird knallhart bestätigt, als eine wütende Spencer ihr Zeug zusammenrafft und davon stapft, eine fluchende Ashley auf ihren Fersen.
Spencer hat in der Zwischenzeit ihren Rock angezogen und stolpert immer noch aufgebracht neben der Straße entlang, wo Ashley sie schließlich mit dem Auto einholt. Sie weigert sich, zu ihrer Freundin ins Auto zu steigen, weil es Ashley offensichtlich überhaupt nicht interessiert, was für ein Gefühlschaos gerade in ihrem Inneren herrscht. Alles was für Ashley zähle, sei sich zu vergnügen – und das habe Mama Carlin schon immer gesagt. Bei der Erwähnung von Spencers bigotter Mutter platzt Ashley der Kragen, doch sie sieht ein, dass sie so nicht weiterkommen. Sie versucht Spencer zu erklären, dass sie sich sehr wohl um die Gefühle ihrer Freundin kümmert, sie wusste nur nicht so richtig wie. Falls der Plan war, zwei unappetitliche Exemplare der männlichen Gattung zu becircen, um Spencer zu zeigen, dass sie bei Ashley besser aufgehoben ist – hat nicht so ganz funktioniert, würde ich sagen.
Immerhin kommt Spencer wieder mit an den Strand, wo sie nun endlich die wirklich wichtigen Fragen des Lebens diskutieren: also, wann weiß man, dass man lesbisch ist? Ashley, die entschieden zuviele Therapiesitzungen in ihrem jungen Leben über sich ergehen lassen musste, antwortet mit der klassischen Gegenfrage: woher weiß man, dass man hetero ist? Damit hilfst du ihr nicht weiter! Spencer versucht es noch mal und erklärt die Sache so: sie trifft z.B. Aiden (Zufall, Zufall) und findet ihn attraktiv. Dann aber sieht sie das Mädchen neben Aiden (kleiner Hinweis: es ist sicher nicht Madison) und findet sie viel anziehender. Genau das würde ihr Angst machen. Aus den unendlichen Tiefen ihrer Psyche fabriziert Ash eine seltsame Analogie zu Botox, die darauf hinausläuft, dass manche Dinge nicht schlecht sind, sondern nur anders. Das hätte man durchaus etwas weniger Hollywood-style erklären können! Außerdem gefällt Spencer das Wort "anders" überhaupt nicht – wer will schon anders sein? Normal erscheint da viel erstrebenswerter, nur, was ist das eigentlich? Ashley meint, nur weil andere es für normal halten, muss es noch lange nicht so sein, und Spencer denkt darüber nach.
Dann ist sie bereit für die besten Datingtipps von Frauen für Frauen, die Frauen daten. Ashley weist sie darauf hin, dass sich exponentiell die Garderobe erweitert, und, falls man auch die gleiche Schuhgröße hat, ebenfalls der Schuhbestand. Weitere Vorteile: eine Frau versteht einen, ohne das man irgendwelche Brigitte-Artikel über Kommunikationsprobleme zu Rate ziehen muss. Nachteile: das übliche, wie bei den Heteros auch – also Lügen, Verlassen, Psycho-Spielchen. Und, in Ashleys Augen endlos nervtötend: das ständige Gequatsche über deine Gefühle, meine Gefühle und unsere Gefühle. Spencer sieht schon etwas abgeschreckt aus, da legt Ash nach mit dem größten aller Nachteile: Familie, Freunde, selbst Menschen, die dich nicht kennen, werden dich wahrscheinlich hassen. Ganz toll, mach ihr Mut! Tatsächlich ist Spencer von der ganzen Homo-Sache nicht wirklich begeistert und meint, es wäre schon schwer genug, überhaupt beliebt zu sein ganz ohne kaum nennenswerte Hindernisse wie Homosexualität. "Ich will nicht lesbisch sein!", sagt Spencer, doch Ashley lacht nur: "Du hast keine Wahl. Du bist wer du bist, Spence."
Auf dem Weg zurück finden die beiden heraus, dass heute Ausnahmezustand an der Schule herrschte, weswegen sie niemand vermisst haben dürfte (die allwissende Mutter natürlich schon, aber das ist eine andere Geschichte). "Dann war das heute ja total umsonst!" beschwert sich Spencer. "Nein, nicht umsonst", erinnert Ashley sie sanft.
Vorm Carlin-Haus sitzen Ash und Spencer noch ein bisschen im Auto und lächeln sich so verliebt an, dass man sich fragt, wer von beiden blinder ist. Schließlich steigt Spencer doch aus und bedankt sich für den sicherlich ungewöhnlichen, aber auch erfolgreichen Tag. Sie geht zum Haus, schließt die Tür auf und dreht sich noch mal um. Natürlich hat Ash sie beobachtet, natürlich grinsen sie sich an. Hach, die beiden sind süß. Blind, aber süß.