von Gwyn

Ein Herz für Lesben

Hinter Gittern:
Sascha & Kerstin



Vom Regen in die Traufe
(oder: Von der Bundeswehr in die JVA)

Jeden pazifistisch eingestellten Zuschauer versetzt es zunächst einmal in größtes Erstaunen, dass Kerstin trotz Bundeswehrvergangenheit offensichtlich keinerlei Erfahrung in demütiger Unterwürfigkeit und fraglosem Gehorsam hat. Dies gepaart mit einer an Debilität grenzenden Naivität führte dazu, dass Kerstin in ihrer neuen Wohnumgebung zunächst mit deutlichen Anpassungsschwierigkeiten zu kämpfen hatte. So kam es bei der Vermittlung von informellen Knastregeln durch die neuen Mitbewohnerinnen häufiger zu beiläufigen Tests von Kerstins körperlicher Regenerationsfähigkeit.

...dass die Leere und Bedeutungslosigkeit ihres bisherigen Lebens lediglich auf eine unerträgliche Kerstinenz zurückzuführen war.

Selbst Sascha erkannte verblüffenderweise nicht auf den allerersten Wimpernschlag, dass die Leere und Bedeutungslosigkeit ihres bisherigen Lebens lediglich auf eine unerträgliche Kerstinenz zurückzuführen war. Vielmehr sank Kerstin auf Saschas Beliebtheitsskala zunächst drastisch, da erstere versehentlich eine ganz unglaublich wichtige Studienarbeit von letzterer optisch mit Essensresten aufpeppte. Nein, wo denkt ihr hin, natürlich hatte Sascha keine Kopie ihrer Arbeit angefertigt, geschweige denn Notizen zur Hand, welche eine Rekonstruktion erlaubt hätten. Und selbstverständlich entspricht es einer typischen Studentenmentalität das einzige Arbeitsexemplar mit zum Mittagsessen in die Kantine zu schleppen – die Trennung von abgeschriebenem geistigen Eigentum ist bekanntermaßen für jeden angehenden Intellektuellen äußerst schmerzlich. Wie dem auch sei, ein ganzes Semester verlor Sascha durch Kerstins Missgeschick. Und bitte verkneift euch die taktlose Anmerkung, dass dies im Falle einer lebenslänglich Inhaftierten nicht wirklich ins Gewicht fällt!

Zur Verbesserung von Kerstins Situation trug nicht wirklich die Tatsache bei, dass sie mit Hilfe ihres Anwalts Michael - gleichzeitig ihr liebevoller zukünftiger Ex-Freund - alles daran setzte, ihren Bundeswehrvorgesetzten Werner Baal (rein zufällig Vater der Gefängnisleiterin Eva Baal) als wahren Mörder zu entlarven.

Da die Autoren unserer Erfolgsserie ihren durchschnittlichen Fernsehzuschauer für ein wenig begriffsstutzig halten, reihte sich in der Folge eine Schikaneszene an die nächste. Zum Glück hielten die Müllproduz Serienschreiber es nach geraumer Zeit für angebracht, sich gegenseitig zufrieden auf die Schultern klopfen: ihr Werk schien vollbracht. Selbst dem schlaffreudigsten Zuschauer blieb die Botschaft nicht verborgen: Das Schicksal hatte der vermeintlich heterosexuellen Kerstin äußerst übel mitgespielt. Wir quittieren das an dieser Stelle mit einem mitleidigen Seufzer und wenden uns dem Wesentlichen zu.


Von Vollzeit- und Tiefschlaflesben

Die Initiative zu einer erneuten Kontaktaufnahme ging erstaunlicherweise nicht von Vollzeitlesbe (und somit notorischer Hetenaufreißerin) Sascha aus, sondern von der mittlerweile zu einer Tiefschlaflesbe mutierten Kerstin. Aber das Ganze noch mal zum Genießen: Sascha lehnte lässig an einer Wand und las beeindruckenderweise Heine. Tiefschlaflesbe Kerstin schlenderte rein zufällig vorbei und glänzte prompt mit einer Zeile: “Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, dass ich so traurig bin”. (An die Autoren: ausgesprochen subtil!) Kerstin mag Heine natürlich sehr. Alarm! Spätestens hier schreckt jede flirtgeschädigte lesbische Fernsehzuschauerin hoch, um eine eindeutige Diagnose zu fällen: sollten wir es hier nicht mit einem besonders geltungsbedürftigen heterosexuellen Exemplar zu tun haben, kann es sich eigentlich nur um den Prototypen einer abfuhrsammelnden Lesbe handeln. Sascha allerdings war angesichts Kerstins Belesenheit völlig aus dem Häuschen – sie zeigte es halt nur nicht. Dennoch war nach dieser Begegnung eins klar: der Jagdinstinkt der Vollzeitlesbe war geweckt.


Saschas kleines Eroberungseinmaleins

Versuch 1: Erscheine im richtigen Moment aus dem Nichts (und verschwinde dann wieder schleunigst).

Nach einem Gespräch im Besucherraum mit Werner Baal, der Kerstin böswillige Verleumdung vorwarf, treffen wir Kerstin heulend im Baderaum an. Die Tür ging auf: Welch ein Zufall! Sascha! Sascha fragte Kerstin sanft, ob alles in Ordnung wäre? Kerstin wollte aber lieber (noch) in Ruhe gelassen werden. Woraufhin Sascha taktvoll den Baderaum verließ, allerdings nicht ohne dem interessierten Fernsehzuschauer einen letzten, überaus mitfühlenden Blick aufzudrängen.


Versuch 2: Lasse kleine Gesten möglichst großzügig erscheinen.


Wenig später ließ Sascha Kerstin gönnerhaft beim Telefonieren vor - sie hätte es nicht eilig (huch, und wir dachten, ihr Flieger würde jeden Augenblick gehen…). Die Taktik ging auf: Kerstin entschuldigte sich bei Sascha für ihren Tonfall von vorhin. Sascha war natürlich sehr verständnisvoll.

LEIDER müssen wir an dieser Stelle Saschas wohl geplanten Eroberungsfeldzug unsanft unterbrechen, weil unsere Autoren ein Faible für dramatische Wendungen haben: die offenbar allmächtige Gefängnisleiterin Eva Baal hatte sich zum Schutze ihres Killerdaddys spontan zu einer Isolationshaft und Kontaktsperre für Kerstin entschlossen.


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