von Gwyn
Ein Herz für Lesben
Hinter Gittern:
Sascha & Kerstin
Erfahrungsaustausch
Da vollendete Selbstmorde in Reutlitz eher selten sind, landete Kerstin statt in der himmlisch-lesbischen Gnadenabteilung für begriffsstutzige Läuterungskandidatinnen auf der sehr irdischen Knastkrankenstation. Ihr Lover im Ruhestand monologisierte derweil am Krankenbett über seine Selbstvorwürfe und betonte wie außerordentlich Leid ihm das Ganze täte. Knastinsassin Melanie, die wegen des akuten bundesweiten Arbeitskraftmangels im Klempner-, Elektriker-, Schreiner- und Schlossergewerbe einen Einknastfrau-Allroundhandwerkbetrieb in Reutlitz führt, weilte wegen vermeintlich dringender Reparaturarbeiten ebenfalls im Krankenzimmer. So beteiligte sie sich lauthals an Michaels Aufmunterungstherapie, indem sie ihr tiefstes Bedauern über das Scheitern des Selbstmordversuchs aussprach. Als sie sich eben anstrengte, den hilflosen Michael über Kerstins vermeintlich unterentwickelten Bettqualitäten auszufragen, erschien auf wundersame Weise Retterin Sascha in der Tür. Diese wies Melanie prompt zurecht, da sie aufgrund von geistigen Trockenübungen glaubte, Kerstins Leidenschaftlichkeit besser beurteilen zu können. Den Krankenbesuch musste Sascha in ihrem Eroberungstagebuch allerdings als Niederlage verbuchen - während Michael munter damit fort fuhr, auf die desinteressierte Kerstin einzureden, musste sich Sascha auf das Wechseln der Bettwäsche und das Einstudieren von eifersüchtigen Blicken beschränken.
Als Kerstin in Rekordzeit und ohne psychologische Betreuung zurück in ihren Gefängnistrakt verlegt wurde, übernahm Sascha Michaels Taktik und hielt unermüdlich Monologe vor einer flüchtenden und schweigenden Kerstin. Erst nach Saschas Präsentation der Narben unter ihrem Schweißband, die von ihren eigenen zwei Selbstmordversuchen zeugten, ließ Kerstin eine Annäherung wieder zu. Michael konnte mit diesem raffinierten Schachzug natürlich nicht mithalten.
Amnesie
Fortan turtelte das symbiotische Knastpärchen wieder platonisch, als hätte es die folgenlangen Misstöne nie gegeben. Ja, selbst das Knastleben zeigte sich Kerstin bald von seiner harmonisch-verklärten Seite: Die AutorInnen vergaßen kurzerhand ihre Informationspflicht gegenüber dem Zuschauer und bannten die Selbstmordgefahr Kerstins lieber in einem Werbeblock. Lediglich die Gefängnisleitung spekulierte auf einen Rückfall und verhalf Kerstin zu einem nicht näher definierten Job auf der Krankenstation - aber Hauptsache Skalpell und Medikamentenschrank sind für den psychischen Notfall in unmittelbarer Reichweite.
Kerstin vergaß allerdings prompt ihre Todessehnsucht und empfahl sich stattdessen lieber äußerst penetrant für die Titelrolle in einer Arztserie, indem sie stets zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort war, um das medizinisch Richtige zu tun, während der eigentliche Gefängnisdocdarsteller offenbar gerade eine Drehpause einlegte.
Sascha - wie eh und je in Hetenfanglaune - ließ sich diese Flirtvorlage nicht entgehen und balzte munter darauf los, indem sie prognostierte, dass der Gefängnisdoc seinen Posten angesichts Kerstins medizinischer Fähigkeiten verlustig gehen könnte - womit Sascha ungeahnte prophetische Fähigkeiten offenbarte, aber dazu in wenigen Jahrzehnten mehr. Kerstin erkannte das Süßholzgeraspel unseligerweise nicht als solches und merkte unbescheiden und gut gelaunt an, wie gut Sascha sie doch kenne. Sascha durchforstete mental kurz den Lesbenflirtknigge, um mit der Aussage zu brillieren, dass sie Kerstin für ihren Geschmack viel zu wenig kennen würde. Kerstin erklärte sich natürlich gerne bereit, Sascha im Eiltempo in die vermeintliche Tiefe ihrer Seele blicken zu lassen und übersah die anbandelnden Absichten gefließentlich.
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