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Zärtliche Begierde (Meine Frau liebt zwei)

Kritik von Imke



Begierde?

Allein der Titel dieses RTL-Spielfilms lässt einiges befürchten, aber naja, andererseits will ich ja auch auf dem Laufenden bleiben, was lesbische Beziehungen im Fernsehen angeht. Und so pflanze ich mich, mit meiner Freizeit verschwenderisch umgehend, an einem trostlosen Winterabend mit einer Freundin vor den Fernseher und harre der Dinge, die zwei (männliche) Drehbuchautoren für uns und andere FernsehzuschauerInnen vorgesehen haben...

Nun ja, als der Film schließlich zu Ende ist, drängt sich mir dann doch allzu deutlich das Bild zweier rauchender Drehbuchautorenköpfe auf, die über der alles entscheidenden Frage grübeln: "Wie kriegen wir bloß die weiblichen Zuschauer vor den Bildschirm, wenn auf einem anderen Programm womöglich Harrison Ford läuft? Und das, wo doch die Seele der Frauen für uns Männer auf ewig unergründlich bleiben wird?"

Da bleibt nur eins: Man nehme die Karikatur eines selbstherrlichen, obsessiv golfspielenden Machos als Ehemann und lasse von ihm Zitate einfließen wie: "Die Frau sei dem Manne untertan" oder auch "Wenn Seitensprung olympisch wird, krieg' ich die Goldmedaille, har, har!" Mit anderen Worten: eine männliche Hauptfigur, der sich die (heterosexuelle) Zuschauerin köstlich überlegen fühlen kann und die ihr das schmeichelnde Gefühl moderner Lebensführung verleiht.

Und als Identifikationsfigur für die Zuschauerin nehme man eine latent begabte Designerin als Ehefrau, die von ihrem Gatten zur Mutter und Hausfrau degradiert wurde - deren schlummernde Fähigkeiten und Ressourcen also nur darauf warten, endlich von der erstaunten sozialen Umwelt zur Kenntnis genommen zu werden - und die natürlich von den Affären ihres Mannes nicht das Geringste ahnt. Diese sichtlich vernachlässigte, obwohl doch rein figürlich durchaus reizvolle, Gattin könnte dann also Mitgefühl, Verständnis und (Wieder-) Aufbau ihres Selbstwertes nur bei einer Geschlechtsgenossin erwarten (ja, welche Hetera kennt das nicht).

Und wenn es sich bei jener Geschlechtsgenossin um eine vorübergehend (!) in der Straße wohnende Lesbe handelt, erwacht die Begierde gleich mit - letzteres ließe sich dann auch hervorragend im Filmtitel verwursten: Durch die geniale Kombination von "Zärtlichkeit" und "Begierde" würden männliche wie weibliche Zuschauerwünsche auf das Vortrefflichste vereint angesprochen werden.

Apropos Begierde: Die Lesbe müsste natürlich sowohl feminine als auch maskuline Reize in sich tragen, sie müsste blond und langhaarig sein, ihr Gesicht und ihr Mund müssten unbedingt eine gewisse Sinnlichkeit ausstrahlen - aber sie muss auch Motorrad reiten, äh, fahren können, sie muss Bier trinken und schweißen und überhaupt handwerkliche Tätigkeiten aller Art übernehmen können, aber neben ihrer Lederjacke auch einen Spleen für hübsche und unkonventionelle High Heels haben. Sie müsste auf jeden Fall etwas Unabhängiges, Freies, ruhelos Animalisches an sich haben und trotzdem voller unerfüllter Sehnsüchte nach Heimat, Liebe und trauter Beständigkeit sein. Kurz: Sie müsste eine Art Freddy Quinnscher Seemannsromantik verkörpern, bloß eben in weiblich und ohne See (aber dafür hat sie ja das Motorrad).

Neben der Frauenbeziehung bräuchte es noch eine richtige Männerfreundschaft (aber eine witzige, es soll ja eine Komödie werden), denn Männer können ja schließlich auch Freunde sein, und zwar ganz ohne Sex (sie reden zwar von nichts anderem, aber es geht ja zumindest nicht um den Sex miteinander). Da fragen wir doch mal gleich den Ingolf Lück, der hat die ewige Wochenshowleier bestimmt längst über und garantiert nichts dagegen, unserem Martin als Kumpel zur Seite zu stehen (und in der Tat erweist sich Ingolf Lücks freundschaftliche Striptease-Einlage als ein kleiner Lichtblick in diesem vor Plattheiten nur so strotzenden Film).

Soweit zu den Figuren, aber wie dann weiter? Auch wenn sich die beiden Frauen schließlich näherkommen und die Hete gaaanz neue und aufregende erotische Erfahrungen macht, kann es ja wohl nicht der Weisheit letzter Schluß sein, dass die beiden Frauen zusammenbleiben (vgl. Ivanovas Regeln für Storyliner). Hmmm..., Tobias Saalfeld und Rolf Schilling verspüren neben unangenehmen Kopfschmerzen (von dem Rauch) langsam auch einen leichten Druck im Magen: Wie bloß läßt sich die Story jetzt noch rumreißen, wo doch der ganze Plot bisher so aufgebaut war, dass es die Ehefrau wie ein Naturgesetz auf die Lesbe zutreiben muss?

Zu allem Unglück bleiben nicht mehr viele Minuten, wenn ein Prime-Time-Film plus Werbung um 22.15 Uhr zu Ende gehen muss, jetzt heißt es also handeln: Der Ehemann wird zunächst von allen seinen Frauen verlassen, verliert seinen Job, fliegt aus seiner Wohnung und verkommt zum armen bemitleidenswerten Würstchen. Was eine geradezu kathartische Wirkung auf ihn hat, so dass er aus seiner Würstchenexistenz wie Phönix aus der Asche emporsteigt und fortan ein zuverlässiger Familienvater und geläuterter Ehemann wird, der seine Frau über alles liebt und ihr treu bleiben wird bis an sein Lebensende.

Die Wege und Motive der Gattin wiederum waren bisher eh unergründlich, warum diese Strategie also verlassen: Sie geht natürlich zurück zu ihrem Ehemann, den hat sie ja schließlich geheiratet, und außerdem liebt sie ihn ja auch ganz doll (warum, wird im Film nicht klar, aber muss ja auch nicht). Die Lesbe? Ach ja, ....na, die trifft einfach ihre erste große Liebe wieder, was natürlich nur die zweite Wahl ist gegen die reizvolle Ehefrau, aber immerhin auch für sie ein Happy-End. Und die beiden (richtigen) Lesben reisen dann ab nach Frankreich, also gaaanz weit weg von dem trauten Ehepaar, dessen Harmonie nun durch nichts mehr gefährdet werden kann.

Endlich! Die Köpfe der beiden Drehbuchautoren hören auf zu schmerzen, der Magendruck lässt auch merklich nach: Die Miete für die nächsten Monate scheint gesichert. Nun noch schnell zum Produzenten, aber mei, der wird natürlich begeistert sein...

Für diejenigen von Euch, die jetzt noch die konkrete Handlung des Films interessiert, sind die folgenden Ausführungen:

Es ist der fünfte Hochzeitstag von Christine (Tina Ruland) und Martin (Christoph M. Orth): Während sich Christine bereits ein bisschen für den Abend anschickt, vergnügt sich Martin lieber horizontal mit seiner Chefin und lädt außerdem einen wichtigen Auftraggeber samt Frau bei sich zu Hause zum Essen ein. Er ist zuversichtlich, dass sein "Engelchen" schon für ein gutes Abendmahl sorgen wird. Tatsächlich wehrt sich das Engelchen nicht besonders und macht sich auf, ein Mahl für vier Personen vorzubereiten. Doch wie es das Schicksal will: Das Salz ist alle (natürlich, bei den beiden fehlt das Salz).

Also geht Christine in ihrer Not flugs mal zum Haus gegenüber, wo eine gutaussehende junge Frau namens Anna am Renovieren ist. Wie sich schnell herausstellt, handelt es sich bei ihr nicht um die zukünftige Bewohnerin des Hauses, sondern Anna lebt davon, alte Häuser in Schuss zu bringen. Nichtsdestotrotz hat sie Salz da. Und Tequila: Nach einigen Gläschen (mit der Zunge den Handrücken lecken und so...) verstehen sich Christine und ihre "Nachbarin" bereits so gut, dass Christine prompt ihren Backofen vergisst und das Essen hoffnungslos verbrennt.

Von nun an verbringen Christine und Anna viel Zeit mit gemeinsamen Unternehmungen, die vom romantischen Elbspaziergang über vergnügliche Fahrten auf Annas Motorrad bis zum Besuch in einer Lesbendisco (Annas wahrem Zuhause) reichen, einschließlich romantischem Engtanz. Martin ahnt zwar nichts von den neuen Interessen seiner Frau, zeigt sich aber wenig begeistert von ihrem nachlassenden Pflichtbewußtsein. Und so kommt es im Anschluß an den Disco-Besuch zum Ehekrach, an dessen Ende Christine zu Anna flüchtet, die aufgeschreckt durch den Lärm im roten Negligé die Treppe hinuntergleitet.

Diesen Reizen kann sich Christine natürlich nicht entziehen (warum sie für diese Szene vorher pitschnass geregnet und zudem auf dem Weg zum Haus noch in einen Zementhaufen gefallen sein muss, entzieht sich vollends meinem Verständnis). Jedenfalls werden die Frauen von "zärtlicher Begierde" überm... äh -fallen und verbringen die Nacht miteinander. Martin reagiert am nächsten Morgen natürlich höcnst ungehalten, stellt sich aber bei seinem Ultimatum an Christine dermaßen ungeschickt an, dass diese es vorzieht, bei Anna zu bleiben.

Jetzt gilt es für Martin, mit seinem Freund Heiner (Ingolf Lück) einen guten Plan zu erarbeiten, der Christine in seine Arme zurücktreiben wird. Heiner findet es am erfolgversprechendsten, die Lesbe einfach mal flachzulegen und sich dann von Christine erwischen zu lassen. Doch dieser Plan geht schief. Erst Martins Schachzug, Annas Ex auf deren Geburtstagsfeier auftauchen zu lassen, beginnt zu fruchten. Die eifersüchtige Christine besinnt sich auf den inzwischen geläuterten Ehemann, und das Familienglück ist wieder vollkommen.

Soviel also zur konkreten Handlung des Films. Die Leistungen der Schauspieler sind nicht weiter erwähnenswert, so dass ich das hier mal weglasse, lediglich Gesche Tebbenhoff läßt ab und zu mal einen Hauch von Tiefe entstehen (ob das dem Regisseur entgangen ist?). Erwähnenswert, obwohl genauso berechnend inszeniert wie der Filmplot, ist der Soundtrack des Films: Effektvoll eingesetzte Titel von Annie Lennox (Who's that girl), Shirley Bassey (History Repeating), Sade (No ordinary love), Cindy Lauper (Girls just wanna have fun) und viele andere vergnügliche Songs entschädigen fast für den verschwendeten Abend.

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Infos
D 1999
R:
Michael Keusch
B:
Tobias Saalfeld,
Rolf Schilling
D:
Tina Ruland,
Gesche Tebbenhoff,
Christoph M. Orth,
Ingolf Lück

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