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Kritik von Imke

When Night Is Falling

Camille (Pascale Bussières) unterrichtet Mythologie an einem christlichen College. Ihr Leben verläuft in angenehm ruhigen Bahnen, ihre Arbeit, ihr Glaube und auch die Beziehung zu ihrem Kollegen Martin geben ihr Halt und Sicherheit. Darüber hinaus steht für sie ein gewaltiger Sprung auf der Karriereleiter an, als der aus dem Amt scheidende Kaplan Camille und Martin die gemeinsame Leitung der Lehranstalt in Aussicht stellt - unter der Voraussetzung allerdings, dass die beiden ihr Verhältnis "legalisieren." Nun ist das zwar einerseits eine ganz erfreuliche Entwicklung für Camille, aber andererseits erwacht in ihr eine bisher nicht gekannte und folglich auch noch nicht gelebte Seite ihrer Persönlichkeit, die sich mit dem Erreichten durchaus nicht zufrieden geben will; eine abenteuerlustige, lebenshungrige und rebellische Seite im übrigen.

Camille zögert also. Daher greift ihr das Schicksal ungeduldig unter die Arme, und zwar zunächst in Gestalt ihres Hundes Bob, der von einem seiner Streifzüge nicht mehr zurückkehrt und schließlich von Camille tot aufgefunden wird. Noch vollkommen verstört vor Trauer läßt Camille ihren Tränen im Waschsalon freien Lauf, wo Trost und Rettung in Form der bezaubernden Petra (Rachael Crawford) nahen. Noch während sie der verheulten Camille mitfühlend die Taschentücher reicht, verliebt sich Petra in Camille. Um sie wiederzusehen, vertauscht Petra heimlich die Wäschebeutel und macht sich alsbald vom Acker...

Als Camille zu Hause den Irrtum bemerkt, bleibt ihr nichts anderes übrig, als zu der Adresse zu fahren, die sie im Wäschebeutel vorgefunden hat (wenn schon Wäsche vertauschen, dann doch wenigstens professionell mit beiliegender Visitenkarte), um das Missverständnis aufzuklären. Es stellt sich heraus, dass Petra als Illusionistin im "Sirkus of Sorts" arbeitet, der unter dem vielsagenden Motto "Seltsamer als die Phantasie, wahrer als das Leben" durch die Lande zieht.

Nach einigen Minuten des Fremdelns in Petras wirklich zauberhaftem Wohnwagen gesteht Petra Camille, dass sie die Wäsche absichtlich vertauscht habe, weil sie Camille wiedersehen wollte: "Camille, ich möchte Dich im Mondlicht sehen, Dein Kopf zurückgeworfen, Dein Körper in Flammen...!" - Huch Gott. Das ist nun nicht das, was Camille erwartet hat, und so wird es Zeit für sie, fluchtartig den Wohnwagen zu verlassen.

Am nächsten Tag besucht Petra Camille zu Hause, um sich für ihren Überfall zu entschuldigen. Camille aber hat sich offensichtlich über Nacht eines Besseren besonnen und geht nun ihrerseits zum (oralen) Angriff über. Der erschreckt sie selbst allerdings weitaus mehr als die angenehm überraschte Petra, und sie ergreift erneut abrupt die Flucht, diesmal aus ihrem eigenen Haus.

Wiederum am nächsten Tag fährt Camille zu Petra, um ihr zu erklären dass es sich bei dem gestrigen Kuss selbstverständlich um eine "Verirrung" gehandelt habe. (Um die Handlung bisher kurz zusammenzufassen: Die beiden sehen sich also täglich, um Missverständnisse klarzustellen, die sie am jeweils vorigen Tag inszeniert haben - so geht's natürlich auch...)

Camille betont, sie würde gern mit Petra befreundet sein "so wie Thelma und Louise, nur ohne Pistolen". Petra reagiert äußerst skeptisch, läßt sich aber dennoch zu gemeinsamen "freundschaftlichen" Unternehmungen hinreißen. Diese enden im folgenden regelmäßig in erotischen Erschütterungen der katholischen Seele Camilles, die sich weiterhin tapfer und nach Kräften bemüht, ihre Gefühle für Petra zu verleugnen. Und so zieht sich Petra bald verletzt zurück.

Unterdessen wird Camille deutlich, dass sie nicht in der Lage ist, die immer wieder aufkeimende Sehnsucht nach Petra unter Kontrolle zu bringen, und sie fährt schließlich erneut zu ihr. Die nun folgende Versöhnungsszene endet in einer der zurecht berühmtesten Bettszenen der lesbischen Filmgeschichte, und die beiden Frauen beginnen eine Beziehung. Viel Zeit bleibt ihnen allerdings nicht, denn erstens entdeckt Martin ihr Verhältnis und zweitens steht für den "Sirkus of Sorts" die Abfahrt in die nächste Stadt an. Camille muss sich also entscheiden....

Rozemas Film ist viel kritisiert worden für seine recht oberflächliche Handlung, gleiches gilt für die Charaktere. Obwohl die Regisseurin tief in die Symbolkiste gegriffen hat (z.B. Camilles Hund Bob, sein Tod und seine Auferstehung, die Trapez-Künstlerinnen, oder auch Camilles "Freiflug", um nur einige zu nennen), erreicht der Film keine inhaltliche Tiefe.

Doch wer wollte ihm dies übelnehmen? Rozema spielt mit visuellen Effekten und Metaphern, und sie erschafft eine üppige, märchenhafte Welt voller Poesie und Ästhetik. Und Märchen sind nun einmal inhaltlich schwarz-weiß. Umso prächtiger und komplexer ist dafür Rozemas Bilderwelt, die sicherlich einer der Hauptgründe dafür ist, dass dieser Film zu einem lesbischen Kultfilm geworden ist. Kaum ein Film hat dermaßen viele Preise abgesahnt, und welcher andere Film lesbischen Inhalts hat es bisher unter die deutschen Top 10 geschafft? "Irresistible whatever the orientation of the spectator", schreibt die "Village Voice", "ein wunderbarer Liebesfilm", schwärmt die Süddeutsche Zeitung. Fest steht, dass Patricia Rozema uns ein zutiefst ästhetisches, sinnliches lesbisches Märchen beschert hat, mit zwei Zauberfrauen in den Hauptrollen. Und dass die lesbische Filmlandschaft ohne diesen Film sehr viel ärmer wäre.

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Infos
CAN 1995
R:
Patricia Rozema
B:
Patricia Rozema
D:
Pascale Bussières,
Rachael Crawford

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