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A Village Affair

Eine unerhörte Affäre

Kritik von Imke

Das Drehbuch von "A Village Affair" basiert auf einem Roman von Joanna Trollope, es weicht allerdings an manchen Stellen deutlich von seiner Vorlage ab. Der Film kommt zunächst eher unscheinbar daher, entpuppt sich aber bei näherem Hinsehen als sensible lesbische Pygmalion-Geschichte, die in jedem Fall sehenswert ist. Da es schwierig ist, diesen Film ohne Einbeziehung seiner Handlung (und seines Endes) zu beurteilen, werden die Ereignisse im Folgenden kurz zusammengefasst. Wenn Ihr Euch gern die Spannung erhalten möchtet, lest diesen Text besser nicht, bevor Ihr den Film gesehen habt.

Das Ehepaar Alice (Sophie Ward) und Martin Jordan (Nathaniel Parker) zieht mit seinen drei Kindern aufs Land in ein kleines englisches Dorf. Martins Mutter Cecily, eine bekannte Gartenarchitektin, hat für sie ein wunderschönes, idyllisch gelegenes Haus aufgetrieben, das sie auch bereits eifrig herrichtet, als Alice und Martin das Grundstück beziehen. Überhaupt wird schnell deutlich, dass sowohl Sohn als auch Schwiegertochter in Mutters Gegenwart nicht allzuviel zu sagen haben. Cecily hält Alice für ein "schüchternes, ungeschicktes Mädchen von nicht sehr vielversprechender Herkunft", auf das sie ständig ein Auge haben muss. Lediglich auf Alice' Malkünste ist sie stolz, obwohl diese das Malen schon vor längerer Zeit aufgegeben hat und das neue Atelier im Anbau des Hauses deshalb zunächst nur pro forma eingerichtet wird. Alice selbst ist froh, durch den Umzug den Klauen der dominanten Schwiegermutter entkommen zu können, wirkt aber dennoch beim Einzug alles andere als glücklich.

Plakat

Mitten in die emsigen Renovierungsarbeiten platzt hoher Besuch: Lady Unwin, reiche Gutsbesitzerin und zukünftige Arbeitgeberin von Rechtsanwalt Martin lädt die beiden frisch gebackenen Dorfbewohner zum festlichen Abendessen im größeren Kreise ein, Anlass ist die Rückkehr ihrer Tochter Clodagh (Kerry Fox) aus New York.

Wie sich herausstellt eignet sich die Festivität hervorragend, um Bekanntschaft mit allen relevanten Personen des Dorfes zu schließen, und so mischen sich die beiden Hinzugezogenen brav unter die Gäste. Mitten im lustigen Treiben der Gesellschaft befindet sich auch Clodagh Unwin, der beim ersten Anblick von Alice glatt das kommunikative Lächeln aus dem Gesicht fällt. Als sie einander vorgestellt werden, verhält sich Clodagh arrogant und kühl, flirtet allerdings anschließend heftig mit Martin. Für keinen der Gäste ist zu erkennen, dass Clodagh bereits dabei ist, mit großem Geschick die Weichen für ihre weitere Beziehung zu Alice Jordan zu stellen...

Am nächsten Morgen erscheint Clodagh mit strahlendem Lächeln an der Gartenpforte der Jordans, umwirbt sowohl Martin als auch die Jordanschen Kinder und lädt sich, als die wenig begeisterte Alice auf ihre Entschuldigung für ihr unmögliches Benehmen am Vorabend nicht eingeht, genauso unbekümmert wie unverfroren zum Essen ein.

Martin ist hingerissen: Dass eine so charmante und auch noch wohlhabende Frau sich für ihn interessiert, ist dem braven Rechtsanwalt wohl noch nicht passiert. Bei so viel familiärer Zuneigung (die Kinder werden mal eben mit einem Huhn bestochen) fällt es Alice schwer, sich gegen Clodaghs einnehmende Art zu wehren. In den nächsten Wochen macht Clodagh das Grundstück der Jordans zu ihrem zweiten Zuhause, und schließlich kommt der Tag der Wende:

Alice zeigt Clodagh im Atelier ihre gerade angefertigten Bilder: Ein ganz neuer Stil und vor allem keine Auftragsarbeiten mehr! Clodagh ist (natürlich) begeistert. Just in dem Moment betritt Cecily den Raum und ist selbstverständlich mehr als entsetzt über Alice' kreative Anwandlungen, ebenso wie über Clodagh, deren Einfluß auf Alice ihr nicht entgeht. Alice wirft Clodagh einen verschwörerischen Blick zu und damit sind nun die Fronten geklärt: Das alte Schwiegermuttermodell scheint ausgedient zu haben. Zeit für Clodagh, weiter die Fäden zu ziehen.

Sie arrangiert, dass Martin alle juristischen Aufgaben der Familie Unwin übertragen bekommt. Als Alice zusammen mit ihren Kindern Cecily einen Besuch abstattet, trifft sich Clodagh mit Martin zum Abendessen, der prompt versucht, mit ihr ins Bett zu hüpften, da er naheliegenderweise davon ausgehen muss, Clodagh würde sich nichts Sehnlicheres wünschen. Doch zu seiner großen Verwirrung weist sie ihn ab, und er bleibt beschämt zurück. Am nächsten Tag eröffnet Clodagh Alice beim gemeinsamen Wäscheaufhängen, ihr Lover in New York sei eine Frau gewesen. Alice hat kaum Zeit, die Nachricht zu verdauen, denn kurze Zeit später signalisiert Clodagh ihr nur allzu deutlich ihr Interesse.

Als Martin mit den Kindern zum Angeln fährt, läßt Clodagh die Katze aus dem Sack. Sie zeigt Alice offen ihre Gefühle und will wissen, ob ihre Sehnsucht erwidert wird. Natürlich wird sie erwidert.

Während sich Alice und Clodagh den Freuden der Liebe hingeben, taucht im kleinen Dorf bereits das drohende Unheil in Gestalt von Martins Bruder Anthony auf - Anthony, der schon immer alles wollte, was sein Bruder wollte (also auch Alice) und sich nun für die nächste Zeit bei den Jordans einnisten möchte, was ihm auch gelingt. Im Gegensatz zu Martin begreift Anthony sofort, was gerade im Jordanschen Hause vor sich geht und wittert in Clodagh eine ernstzunehmende Gegnerin.

Als Alice Anthonys hartnäckige Annäherungsversuche mehrfach zurückweist, nutzt der in seiner Eitelkeit Gekränkte das jährlich stattfindende Dorffest, um sich zu rächen (und dass sich Dorffeste für Gay-Skandale aller Art sehr gut eignen, haben später ja auch "Kommt Mausi raus?" und "It's in the water" bewiesen). Er verät seinem Bruder die "unerhörte Affäre" und triumphiert, als Clodagh seine Behauptung gegenüber Martin auch noch bestätigt. Die siegessichere Clodagh ahnt nicht, dass dies für ihre Beziehung der Anfang vom Ende ist...

In der nächsten halben Stunde des Films braucht die ZuschauerIn starke Nerven, denn das fragile Glück der Hauptfiguren zerbricht Stück für Stück, ebenso wie Clodaghs Plan, Alice auf ewig für sich zu haben. Dieser wird nämlich zunehmend bewusst, dass sie sich auch von Clodagh emanzipieren muss...

Hach ja, ein wenig Abstand von meiner romantischen Sehnsucht nach lesbischen Happy-Ends mußte ich schon nehmen, um diesen Film in seiner Art wertschätzen zu können - zumal er mal wieder nahelegt, das nur "unausgefüllte Einsamkeit" eine Frau dazu verleiten kann, in den Armen einer Geschlechtsgenossin zu landen. Doch diese Aussage hat der Film sicher nicht beabsichtigt, denn er nimmt für sich nur in Anspruch, das individuelle Schicksal einer frustrierten Ehefrau zu beschreiben, die dem Charme eines egozentrischen Mitmenschen erliegt. Und wenngleich sich Alice auch von Clodagh ähnlich wie zuvor von ihrer Schwiegermutter Cecily eingeengt fühlt, so wird ihre Liebesbeziehung doch zu einem wichtigen Meilenstein in ihrer Selbstfindung - und wer weiß, vielleicht wartet ja draußen im tiefen England irgendwo ihre Traumfrau?

A propos Traumfrau, eine kleine Anekdote am Rande: Die Hauptdarstellerin Sophie Ward hat zwei Jahre nach den Dreharbeiten zum Film ihren Ehemann wegen einer Frau verlassen und ist mit ihren zwei Kindern zu ihr gezogen. Ward sagt heute, sie habe schon immer "feelings for women" gehabt, aber das Erscheinen des Films für einen sehr unglücklichen Outing-Zeitpunkt gehalten - es hätte dann ausgesehen, als wolle sie nur den Marktwert des Films pushen. Inzwischen ist Sophie Ward in Great Britain zur lesbischen Koryphäe geworden (eine bekannte Schauspielerin war sie vorher schon) und hat ihre Freundin angeblich geheiratet. "A Village Affair" lief im deutschen Fernsehen und ist als Video nur im englischen Original erhältlich.


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Infos
GB 1994
R:
Moira Armstrong
B:
Alma Cullen,
Joanna Trollope
D:
Sophie Ward,
Kerry Fox,
Nathaniel Parker
Vorlage:
Joanna Trollope

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