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DykesVision / Lesbenfilme / Raus aus Åmål

Kritik von Imke

Raus aus Åmål (Fucking Åmål)

"Nicht noch ein Teenie-Film", wird sich manch ein/e KinogängerIn auf dem Weg zum reservierten Platz (denn reservieren musste man bei diesem Film) gedacht haben angesichts der Schwemme hollywoodscher Teenager-Komödien in den letzten Jahren. Aber nein, schon wenige Minuten nach Beginn des Films konnte sich die ZuschauerIn erleichtert zurücklehnen: Dieser Film hat absolut nichts gemein mit den vermeintlich witzigen Bäumchen-Wechsel-Dich-Reigen amerikanischer CollegestudentInnen.

Vielleicht konnte dieses unsentimentale Jugendporträt nur aus dem Dogma-inspirierten Schweden kommen, denn Lucas Moodysson hat die Irrungen und Wirrungen des Erwachsenwerdens mit so verblüffender Realitätsnähe eingefangen, dass der Film an manchen Stellen eher den Anschein von "versteckter Kamera" erweckt, zumindest aber beschleicht die ZuschauerIn allmählich der Verdacht, der Regisseur hätte vor den Dreharbeiten heimlich in ihrem zerfledderten Tagebuch geblättert. Die fünf Hauptcharaktere (Agnes, Elin, Johan, Jessica und ihr Freund Markus) sind so authentisch gezeichnet, dass sich wohl jede/r in mindestens einer der Figuren wiedererkennen kann.

In der Pubertät zu sein ist manchmal eh unlebbar, aber das Schicksal, die Entfaltung der eigenen Persönlichkeit auch noch in einem schwedischen Kaff namens Åmål durchleben und durchleiden zu müssen, grenzt an Folter, findet Elin (Alexandra Dahlström): "Warum müssen wir auch hier am Arsch der Welt in diesem verschissenen Kuhdorf wohnen?! Wenn hier etwas Trend ist, ist es woanders schon wieder out!" Und das, wo doch die wöchentlichen In- und Out-Listen zu den wichtigsten Utensilien gehören, jedenfalls wenn man vierzehn Jahre alt ist wie Elin.

Elin will unbedingt Model werden, oder Filmstar, oder Psychologin. Jedenfalls will sie auf keinen Fall so werden wie die anderen in Åmål. Aber natürlich ist es trotzdem wichtig dazuzugehören und "in" zu sein. Und "in" ist Elin: Sie ist bei den Mädchen beliebt, bei den Jungen begehrt, und sie hat schon alles geküsst, was zarten Flaum am Kinn hat. Und wie alle anderen Jugendlichen in Åmål geht Elin den üblichen Freizeitaktivitäten nach, als da wären:

Rumhängen mit FreundInnen, Rausfinden, wie und womit man besonders "cool" sein kann, Streiten mit überhaupt nichts raffenden Eltern, rituelles Besaufen auf Wochenendfeten und ausgiebiges Starren auf Klassenfotos, auf denen das aktuell erwählte Objekt der Begierde arglos und gelangweilt in die Kamera blickt (der eigentliche Sinn von Klassenfotos). Und doch ist Elin tödlich gelangweilt, von den Feten, von ihren Freundinnen und von den Jungs ("Du hast den Horizont einer knienden Ameise"). Alles erscheint ihr irgendwie kicklos und eigentlich will sie nur eins: Raus aus Åmål.

Raus aus Åmål will auch Agnes (Rebecka Liljeberg), die vor fast zwei Jahren mit ihren Eltern in die kleine schwedische Stadt gezogen ist und noch immer keine Freunde gefunden hat. Was kein Wunder ist, denn die introvertierte Agnes steht weder auf Parties noch auf Jungs. Agnes steht auf Bücher, und sie steht auf Elin. Ihr Tagebuch ist voll von dem Leid, das diese geheime Liebe mit sich bringt. In der Klasse wird bereits gemunkelt, dass Agnes lesbisch ist (obwohl sie selbst offenbar mit diesem Begriff nicht viel anzufangen weiß), und sie muss des öfteren den Spott ihrer MitschülerInnen über sich ergehen lassen. Doch Agnes ist zwar still, aber durchaus nicht wehrlos, aufrecht und ohne sich dem Anpassungsdruck zu beugen erträgt sie die Demütigungen.

Bevor es für die zurückhaltende Agnes und die lebenshungrige Elin schließlich aufwärts geht, wird zunächst einmal alles viel schlimmer. Und diese Verschlimmerung setzt ein mit Agnes' 16. Geburtstag - genauer gesagt mit der Geburtstagsfeier, die Agnes' Eltern gegen ihren Willen arrangiert haben.

Wie Agnes schon befürchtet hat, folgt niemand ihrer Einladung, weil alle sich lieber auf der Parallel-Fete von Christian herumtreiben. Frustriert verzieht sich Agnes auf ihr Zimmer und fühlt sich im großen und ganzen fürchterlich "misslungen und eklig". Da klingeln plötzlich Elin und ihre Schwester Jessica an der Haustür. Sie kennen Agnes zwar nicht besonders, aber Elin hat keine Lust, auf Christians Party Johan zu begegnen, der in sie verknallt ist und auf dessen Annäherungsversuche sie gut verzichten kann. Während sich Agnes im Bad die verräterischen Tränen vom Gesicht wischt, schickt ihre Mutter die Gäste schon mal auf Agnes Zimmer, wo Jessica ihrer Schwester berichtet, sie habe gehört, dass Agnes lesbisch sei. Elin wird neugierig: "'Ne Lesbe? Find ich cool. Will ich auch werden." Aus Jux schließen die Schwestern eine Wette ab, dass es Elin gelingt, Agnes zu küssen.

Raus!

Mit einigen Tricks gewinnt Elin die Wette, und die beiden Mädchen verlassen daraufhin kichernd das Haus. Zurück bleibt Agnes, tief verletzt. Als der Kuss anschließend auch noch Gesprächsthema Nummer Eins auf Christians Party wird und Elins Freundin Camilla bei Agnes anruft, um sie erneut zu demütigen, beschließt Agnes, ihrem qualvollen Dasein ein Ende zu bereiten und sich die Pulsadern aufzuschneiden. Doch kaum hat Agnes es sich (unter Albinonis "Adagio"-Klängen) mit ihren Rasierklingen bequem gemacht, wird sie von Elin gestört, die inzwischen bereut, was sie getan hat und sich bei Agnes entschuldigen möchte. Abgesehen davon findet sie Agnes "echt in Ordnung" und der Kuss war ja eigentlich auch ganz schön...

Elin überredet Agnes, mit ihr auf Christians Party zu gehen, wo sie aber niemals ankommen, weil sie lieber auf einer Brücke stehen bleiben und den Autos nachschauen, die raus aus Åmål fahren. Sie stellen fest, dass sie gegenseitig von sich finden, "anders" zu sein, und dass das in Åmål durchaus eine Auszeichnung und ein Zeichen von Gesundheit ist. Als die Mädchen versuchen, nach Stockholm zu trampen, geht das leider schief, aber dafür geschieht etwas anderes: Elin küsst Agnes. Aber diesmal richtig.

Sowohl Agnes als auch Elin sind darüber ziemlich verwirrt. Agnes, weil sie ihr Glück gar nicht fassen kann und Elin, weil sie nun gar nicht mehr weiß, was los ist. Sich in ein Mädchen zu verlieben ist doch irgendwie nicht so cool, um nicht zu sagen das geht nicht.

In den folgenden Wochen meidet Elin Agnes, wo sie nur kann und geht schließlich eine Beziehung mit Johan ein, der zwar langweilig und unsicher, aber wenigstens ein Junge ist. Elins demonstrative Zurückweisung bricht Agnes das Herz, und es vergeht eine lange Zeit, bis Elin sich schließlich durchringt zu Agnes zu stehen...

Obwohl die Liebe der beiden Mädchen im Mittelpunkt des Films steht, ist der Film weit mehr als die Beschreibung eines Coming-Outs. Wäre er nur das, hätte er sicher nicht jede zehnte SchwedIn in die Kinos gelockt (und damit seinerzeit "Titanic" auf Platz Zwei der Charts verwiesen). Menschen jeglichen Alters, Geschlechts und sexueller Orientierung waren fasziniert von Moodyssons Porträt des Erwachsenwerdens, von seiner Darstellung jugendlichen Angeödetseins und des Konflikts zwischen Individualität und Anpassung. Sowohl komische als auch tragische Momente sind liebevoll und authentisch inszeniert. Nur ein einziges Mal leistet sich der Regisseur ein Verlassen seiner realitätsnahen Perspektive: Beim Kuss der beiden Mädchen im Auto, während dazu das Radio "I wanna know what love is" dudelt - diese Szene wird allerdings abrupt durch den Autobesitzer unterbrochen. Schade eigentlich...

Elin und Agnes

Eine große Überraschung, wenn nicht sogar eine Entdeckung, sind die beiden Hauptdarstellerinnen des Films Rebecca Liljeberg und Alexandra Dahlström. In beiden Gesichtern lassen sich Fluten von widersprüchlichen Gefühlen ablesen, z.B. als Agnes nach ihrem Selbstmordversuch ans Fenster tritt und mit sich ringt, ob sie Elin nun hereinlassen soll oder nicht. Und dann natürlich das kultverdächtige Outing auf dem Mädchenklo... Kein Wunder, dass beide Schauspielerinnen inzwischen eigene Fanseiten im Internet haben und sich überhaupt im Netz zahlreiche Websites über den Film tummeln. "Fucking Åmål" wurde auf diversen Filmfestivals nominiert und hat insgesamt acht Preise gewonnen, unter anderem den "Teddy Award" auf der Berlinale 1999. Doch ehe ich noch weiter ins Schwärmen gerate, einige Kommentare von anderen ZuschauerInnen:

"I don't think it is possible to walk out of this movie and not be in love with Elin and Agnes (no matter is one a man or a woman) ... Rarely have I seen actresses that young that talented ... It is hard to get out of this movie, and get back to everyday life."

(IMDb)"It is the best film I have ever seen. It is the best film about being a teenager ever." (Fran, Teenager)

"Der sympathische Debütfilm überzeugt als sensible Geschichte adoleszenter Selbstfindung, da der Film die Perspektiven seiner Protagonistinnen ernst nimmt und sich jeden wertenden Kommentars enthält. Nicht zuletzt lebt er vom lebendigen Spiel seiner jungen Hauptdarstellerinnen." (film-dienst 1999-24)

"Eines der wirklichen Meisterwerke. Und eines der Meisterwerke, die noch entdeckt werden müssen." (Kinokeller)


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Infos
S 1998
R:
Lucas Moodysson
B:
Lucas Moodysson
D:
Rebecka
Liljeberg,
Alexandra
Dahlström

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