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Orangen sind nicht die einzige Frucht

Kritik von Imke


Niemand anderes als Jeanette Winterson selbst hätte das Screenplay zu ihrem brillianten autobiographischen Roman "Oranges are not the only fruit" liefern können. Ein paar inhaltliche Veränderungen waren dazu nötig, die Winterson offenbar dazu bewegt haben, ihre Hauptfigur in "Jessica" ("Jess") umzutaufen. Zum Glück erhalten geblieben sind die sprachlichen Akrobatiken der Autorin, die skurrile Atmosphäre und der trockene Humor der agierenden Personen, die uns ZuschauerInnen derart achterbahngleich zwischen Entsetzen und Schmunzeln hin- und herschwenken lassen, dass frau/man fast ein bißchen seekrank wird. Klugerweise ist die deutsche Fassung nicht in synchronisierter Form, sondern im Original mit Untertiteln zu sehen.

Die im Buch wie im Film beschriebene Geschichte der Jeanette bzw. Jess ist nicht nur die Geschichte eines Coming Outs, sondern sie erzählt auch von den Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens. Nachdem wir durch einen alptraumartigen Filmvorspann bereits eine Ahnung von der Kindheit und Adoleszenz der Hauptfigur bekommen haben, werden wir eingeführt in die Familien- und Lebenssituation der kleinen ca. fünfjährigen Jess (Emily Aston), die einst von einem relativ alten Ehepaar adoptiert worden ist. Über den Adoptivvater ist nicht viel mehr zu sagen als dass er im ganzen Film nicht ein einziges Wort spricht (außer einmal ein verwirrtes "Amen", das ihm aus Versehen entweicht und das auch keine weitere Beachtung findet), und dass er eher wie ein fehlplazierter Komparse in einem ansonsten perfekt inszenierten Theaterstück wirkt.

Jessy and Mother

Zur Adoptivmutter (glänzend gespielt von Geraldine McEwan) gibt es dagegen weitaus mehr zu sagen: "Mein Vater sah gern Ringkämpfe, meine Mutter kämpfte gern selbst", klärt uns die erwachsene Jess aus dem Off auf. "Sie hatte nie gemischte Gefühle, es gab nur Freund oder Feind." Wie ein sich mitten in der Schlacht befindender Soldat betritt die Mutter die Szene, und Hitchcock hätte seine wahre Freude gehabt an dieser vielschichtigen Figur, die einem permanente Schauer über den Rücken jagt. Und tatsächlich: die Mutter ist ein Soldat (hier in die feminine Sprachform zu verfallen, wäre eine Verfälschung der Tatsachen). Ein Soldat Gottes, um genau zu sein. Als Anhängerin einer strengen christlichen Sekte befindet sie sich in einem ständigen Krieg: Mit sich, mit ihrer Tochter und vor allem mit dem Teufel, der ihr an jeder Ecke in Gestalt ihrer sündenbeladenen Mitmenschen zu begegnen scheint. Für Jess bedeutet dies, dass sie ausschließlich soziale Kontakte zu anderen Kirchenmitgliedern hat, alles ältere Damen im übrigen. Ihre beste Freundin ist die bereits über siebzigjährige Elsie.

Was es für die kleine Jess bedeutet, in dieser wahrhaft ver-rückten Welt aufzuwachsen, kann hier nicht weiter beschrieben sondern muss von der ZuschauerIn selbst erfahren werden. Nur so viel: Jede alltägliche Begebenheit wird stets als - meist gutes, in Ausnahmefällen auch schlechtes - Zeichen Gottes interpretiert: ob die Blumen wachsen, ob die Hühner Eier legen, ob Blähungen kommen oder gehen ("Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen").

Die oft unfassbaren Fehldeutungen der Gemeindemitglieder nehmen zum Teil lebensbedrohliche Ausmaße an, zum Beispiel als Jess an einer Angina erkrankt und die stolze Mutter ihre zu dem Zeitpunkt taube Tochter zum Pastor schleppt und eilig ein eigens für Jess einberaumter Gottesdienst zelebriert wird, weil sie offensichtlich gerade "vom Herrn auserwählt" worden ist und daher der Gemeinde als "Wunder der Verheißung" vorgeführt werden muss - bevor sie kollabiert.

So viel zu Jessys Kindheit. Der Film unternimmt an dieser Stelle einen kleinen Zeitsprung, und wir sehen Jess (Charlotte Coleman - vielen bestens als Hugh Grants chaotische Mitbewohnerin in "Vier Hochzeiten und ein Todesfall" in Erinnerung) wieder, als etwa dreizehn Jahre vergangen sind. Ein bisschen aufmüpfiger ist sie geworden, aber ihr Leben ist nach wie vor bestimmt von der Arbeit in der Gemeinde und von dem Ziel, das ihre Mutter von Anfang an für sie vorgesehen hat: Missionarin zu werden.

Dann allerdings passiert in Jess' Leben etwas Unerwartetes: Sie begegnet der gleichaltrigen Melanie. Jess gelingt es, Melanie davon zu überzeugen, an einem ihrer Gottesdienste teilzunehmen. Und falls uns bei der ersten Begegnung der beiden noch nicht klar war, dass hier gerade etwas Besonderes passiert, geschieht dies spätestens, als Melanie und Jess samt Gemeinde das Lied "He touched me" anstimmen. Ein kleiner Ausschnitt: "Er berührte mich, oh welche Freude erfüllte mein Herz. Etwas geschah, und nun weiß ich: Er berührte mich und gab mir vollkommene Erfüllung..." An den Blicken der beiden Mädchen wird deutlich, dass sie und die Gemeinde hier etwas sehr Unterschiedliches meinen...

Jess und Melanie werden erst Freundinnen und dann Geliebte. Dabei ist ihnen keineswegs klar, dass die inzwischen 82jährige Elsie und Miss Jewsbury ("It's my problem, too") schützend die Hand über sie halten, damit die Mutter und der Rest der Gemeinde nichts merken. Es dauert auch tatsächlich eine Weile, bis der Mutter auffällt, was vor sich geht, aber als sie es bemerkt, kommt es zur Katastrophe: Mitten im Gottesdienst werden Jess und Melanie vom Pastor getrennt und "abgeführt".

Am nächsten Morgen hat sich bereits das "jüngste Gericht" im Wohnzimmer versammelt, und die Gemeindemitglieder versuchen gewaltsam, den "Dämon" aus Jess herauszutreiben, von dem sie augenscheinlich besessen ist. Jess versucht sich zu wehren, hat aber keine Chance gegen die vielen Hände. Das grausame Ereignis lässt sie nachhaltig verunsichert und voller Selbstzweifel zurück. Dennoch will sie Melanie wiedersehen und Miss Jewsbury schiebt Wache, während Jess in Melanies Haus schleicht. Noch einmal können sie sich lieben ("Let the sin be mine"), aber die endgültige Trennung ist unausweichlich.

Am nächsten Tag befindet die nichtsahnende Gemeinde, dass Jess nun geheilt ist und weiterhin Mitglied der Kirche bleiben kann. Eine zeitlang geht alles gut, aber dann lernt Jess bei einer der Bekehrungszeremonien die lebenslustige Katy kennen. Katy macht keinen Hehl daraus, dass sie sich für Jess interessiert und kann deren Bedenken so gar nicht nachvollziehen. Richtig nachvollziehen kann Jess sie selbst nicht, und so gibt sie doch lieber ihrem Wunsch nach, Katy zu küssen...

Einige Wochen später entdeckt die Mutter die Beziehung der beiden, und Jess bleibt diesmal nichts anderes übrig als aus dem elterlichen Haus zu flüchten. Eine alte Bekannte der Mutter, Cissy, nimmt sie bei sich auf und gibt ihr Arbeit. Cissy ist Inhaberin eines Bestattungsinstitutes und hat ein dementsprechend "geerdeteres" Gefühl zu den Menschen und zur Welt als Jess es sonst gewohnt ist. Jess nutzt die Zeit bei Cissy, um Geld zu verdienen, ihren Schulabschluss zu absolvieren und sich bei der Universität in Oxford zu bewerben. Ihre Mühe wird belohnt: Sie bekommt einen Studienplatz und verabschiedet sich von ihrer kleinen Stadt. Was in Oxford auf Jess wartet, lässt ein kurzer Auftritt von Miss Jewsbury erahnen, die den Sprung in die Welt bereits gewagt und sich wirklich nett herausgemacht hat...

Jeanette Winterson

Obwohl die Mutter und ihre Gemeinde der kleinen Jess eine bis zur Brutalität strenge Kindheit beschert haben, werden die Figuren nicht ohne Liebe gezeichnet. Als ZuschauerInnen schwanken wir zwischen Entsetzen, Mitleid und Faszination und können den Blick nicht abwenden von diesen seltsamen Altweibergesichtern, in denen sich so viel Verrücktheit abzeichnet und die nicht nur Jess, sondern vor allem sich selbst so sehr im Weg stehen.

Überhaupt möchte ich einen Toast nicht nur auf Drehbuch und Regie, sondern auch auf das gelungene Casting aussprechen, alle DarstellerInnen überzeugen ausnahmslos, und sowohl Beeban Kidron als auch die Hauptakteurinnen haben nicht umsonst zahlreiche Preise eingeheimst (u.a. BAFTA TV Award, GLAAD Media Award und RTS Television Award). Untermalt wird der Film zudem von der unverwechselbaren Musik Rachel Portmans ("Emma", "Chocolat"). "Oranges are not the only fruit" wurde im britischen Fernsehen als Dreiteiler, bei uns als Zweiteiler gezeigt und ist als Video in englischer Sprache erhältlich.


Diskutiert Lesbenfilme im Forum.

Infos
GB 1990
R:
Beeban Kidron
B:
Jeanette Winterson
D:
Charlotte Coeman,
Emily Aston,
Johanna Wokalek,
Geraldine McEwan,
Cathryn Bradshaw
Vorlage:
Jeanette Winterson

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