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Mädchen in Uniform

Kritik von Imke


Plakat

1930 schrieb die noch unbekannte Schriftstellerin Christa Winsloe das Theaterstück "Ritter Nerestan", in dem sie die unglückliche Liebe einer Internatschülerin zu ihrer Lehrerin während der Weimarer Zeit thematisiert. Als das Stück in Leipzig uraufgeführt wurde, erntete es vom Publikum nur mäßigen Beifall. Erst als Winsloe es umschrieb und es ein Jahr später als "Gestern und Heute" erneut aufgeführt wurde (diesmal in Berlin), war die Resonanz überwältigend. Noch im selben Jahr wurde der Theaterstoff verfilmt und Christa Winsloe quasi über Nacht berühmt. Offenbar sprach der Film "Mädchen in Uniform" vielen Frauen direkt aus der Seele, mit großem Erfolg lief er in ganz Europa und in den USA. Noch heute gilt er als Pionier und Meilenstein in der filmischen Darstellung lesbischen Begehrens.

Man kann annehmen, dass die Offizierstochter Winsloe eigene biographische Erfahrungen in dem Stoff verarbeitet hat, denn ihr war das Thema so wichtig, dass sie zwei Jahre nach seiner Verfilmung zusätzlich ein Buch ("Das Mädchen Manuela") schrieb, um, wie sie sagte "einige Dinge richtig zu stellen", die ihr im Film und im Theaterstück zu kurz gekommen waren. Im Unterschied zum Film wird im Roman nicht nur das Leben im Internat, sondern die gesamte Kindheit der Manuela von Meinhardis beschrieben, und auch das Ende ist anders: Weil ihre Liebe zu der Lehrerin von der Umgebung nicht gebilligt wird, sieht Manuela keine andere Möglichkeit als den Freitod.

Für Winsloe war die Darstellung des Internatslebens eine politische Botschaft, ihr war es wichtig, die preußische Härte der Lehrkräfte zu verurteilen und aufzuzeigen, wie diese einen jungen Menschen in den Selbstmord treiben kann. Und ein Politikum war auch die offene Darstellung des - in Mädchenpensionaten alltäglichen - lesbischen Begehrens. Winsloe konnte ihren Roman erst im Exil veröffentlichen, nachdem sie vor den Nazis geflohen war. Die Schriftstellerin ist nur 55 Jahre geworden, sie wurde gemeinsam mit ihrer Lebensgefährtin in einem Wald erschossen.  


Tausend Zungen und Münder...

Zum Inhalt: Nach dem Tod ihrer Mutter wird die Tochter eines hohen Offiziers, Manuela von Meinhardis, von ihrer Tante in ein Stift für höhere Töchter gebracht, das von seiner Leiterin mit eiserner Hand geführt wird. Obwohl Manuela schnell Anschluß findet, fällt es ihr schwer, sich in dem strengen, kalten Haus zurechtzufinden, zumal sie ihre Mutter sehr vermißt. Einziger Lichtblick ist ihre Klassenlehrerin Fräulein von Bernburg, für die so ziemlich alle Mädchen im Internat schwärmen. Als die anderen Mädchen von "der Bernburgerin" erzählen, ist Manuela zunächst verwundert, was an der wohl so toll sein soll, aber als sie ihr das erste Mal begegnet, ist sie sofort hin und weg von der schönen Frau (und vice versa). Schon am ersten Abend wird diese Liebe besiegelt, als Fräulein von Bernburg in den Schlafsaal der Mädchen kommt, um Gute Nacht zu sagen. Es ist Ritual, dass jedes Mädchen von ihr der Reihe nach einen Gute-Nacht-Kuss auf die Stirn erhält.

Was an diesem Abend zwischen Manuela und Fräulein von Bernburg geschieht, verläuft in den verschiedenen Verarbeitungen des Winsloeschen Stoffes recht unterschiedlich:

Alles gut?

Buchversion: Im Laufe des Buches beschreibt Winsloe an zwei Stellen das "Gute-Nacht"-Ritual im Schlafsaal. Zum einen am ersten Abend im Stift, als Manuela von Fräulein von Bernburg ihren ersten ersehnten Kuss auf die Stirn erhält, und zum anderen in einer Szene, in der Manuela sich vorgenommen hat, der Lehrerin zu erklären, dass ihre Noten nur so schlecht seien, weil diese ihr den letzten Verstand rauben würde (oder so ähnlich):

"Noch zwei Betten, und dann war sie bei ihr. Ihr Herz klopfte zum Zerspringen. Sie gab sich selber ihr Ehrenwort, dass sie jetzt alles sagen würde. Und - breitete die Arme aus und warf sich, alle Kraft verlierend, Fräulein von Bernburg um den Hals, die fast das Gleichgewicht verlor und erschrocken das zitternde Kind festhielt...Die Hände wehrten sich nicht. Sie ließen geschehen. Sie nahmen das tränennasse Gesicht des Kindes auf, und Fräulein von Bernburg beugte sich herab und küsste den bebenden Mund. 'Ruhig, Manuela ...' Ihre Hand streichelte den Kopf, der auf ihre Schulter gebettet liegen bleibt, und das Kind ahnt nicht, daß sie selber in diesem Augenblick vielleicht noch viel mehr des Trostes bedurfte."

miu

Version 1931: Im Film geschieht die gerade beschriebene Szene bereits in der ersten Nacht und umso deutlicher wird dadurch das (im Sinne von aggredere) aggressive Verhalten der Lehrerin: Nachdem Manuela (Hertha Thiele) ihre Arme um die überraschte Fräulein von Bernburg (Dorothea Wieck) geschlungen hat, kommen sich die Lippen der beiden gefährlich nahe. Die Lehrerin zögert kurz, aber dann kann sie gar nicht anders, als ihre Lippen auf die von Manuela zu pressen. Im nächsten Moment erstarrt sie und wendet sich kühl von der glücklich ins Bett fallenden Manuela ab.

Version 1958: Die Szene (einschließlich Kuss) wird hier ganz weggelassen, und lediglich die in der Buchvorlage beschriebene erste Nacht gezeigt: Aus dem 1931 noch aktiven (sexuellen) Verhalten der Lehrerin wird 1958 ein freundliches Zureden und ein anschließender zärtlicher Kuss auf die Stirn, der ausschließlich Manuela (Romy Schneider) erbeben lässt, wenngleich Fräulein von Bernburg (Lilli Palmer) etwas irritiert zu sein scheint und sich nur schwer von der Schülerin loseisen kann. Die "Entgleisung", wie sie Frau von Bernburg noch 1931 widerfährt, bleibt ihr also 1958 erspart, und es bleibt offen, ob diese "Gefahr" überhaupt bestanden hat.

Auch eine 1931 gefilmte Unterrichtszene fällt in der Version von 1958 völlig weg: Während eine Schülerin einen Vers zitiert, sieht Manuela (Hertha Thiele) ihre Lehrerin (Dorothea Wieck) unverwandt an und jene gerät dadurch sichtlich aus der Fassung. Der zitierte Vers lautet:

"Oh, dass ich tausend Zungen hätte und einen tausendfachen Mund (na, das wär' was...Ivanova kichert auch schon ganz anzüglich), dann stimmt' ich damit um die Wette aus tiefstem Herzensgrund ein Loblied nach dem anderen an von dem, was Gott an mir getan."

Übrig bleibt 1958 nur die Tatsache, dass Manuela im Unterricht regelmäßig kläglich versagt, weil sie in Anwesenheit der Lehrerin keinen klaren Gedanken fassen kann. Es folgt eine Unterredung im Zimmer der Bernburgerin, in dessen Verlauf Manuela der Lehrerin ihre Liebe gesteht. Und wieder unterscheiden sich die Versionen der Geschichte beträchtlich:


Mädchen in Uniform, Teil 2 >>

Diskutiert Mädchen in Uniform im DykesVision Forum.

Infos
D 1931
R:
Leontine
Sagan
B:
Friedrich
Dammann
D:
Hertha Thiele,
Dorothea Wieck,
Emilia Unda,
Erika Mann

BRD 1958
R:
Géza von
Radványi
B:
Franz Höllering,
Friedrich
Dammann
D:
Romy Schneider,
Lilli Palmer,
Therese Giehse,
Blandine Ebinger
Vorlage:
Christa Winsloe

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