H o m e

DykesVision / Lesbenfilme / Himmlische Kreaturen

Himmlische Kreaturen

Kritik von Layara

Plakat

1954 erschütterte ein Mord die neuseeländische Gesellschaft, der bis heute nicht in Vergessenheit geraten ist: Die Freundinnen Pauline und Juliet erschlagen aus Angst, getrennt zu werden, Paulines Mutter. Der Film von Peter Jackson erzählt ihre Geschichte, die in Neuseeland zum Allgemeinwissen gehört und außerhalb des Landes vollkommen unbekannt war, von der ersten Begegnung bis hin zum gemeinsamen Mord.

Um die Handlung möglichst flüssig vorstellen zu können, habe ich sie manchmal in einer anderen Reihenfolge beschrieben, als sie im Film vorkommt, nämlich chronologisch. Alle Zitate sind, sofern nicht anders angegeben, Tagebucheinträge von Pauline, die im Film als Voiceover aus dem Off gesprochen werden.

Die Stadt Christchurch, inmitten von welligem grünen Hügelland auf der Südinsel gelegen, gilt nicht nur als Neuseelands "englischste" Stadt, sondern auch als ihre konservativste. Für Pauline Yvonne Rieper (Melanie Lynskey) ist es sicher auch die langweiligste. Die 14jährige lebt mit ihren Eltern, der Großmutter und der älteren Schwester Wendy in einer einfachen Gegend. Der Vater arbeitet in einer Fischfabrik und zusätzlich etwas Geld zu verdienen, vermietet die Familie Zimmer an Studenten unter. Pauline schämt sich für ihre Herkunft, ist chronisch schlecht gelaunt, fühlt sich unverstanden und vor allem einsam, ein typisches Teenager-Schicksal.

Dies ändert sich, als eines Tages eine neue Schülerin in ihre Klasse kommt: Juliet Marion Hulme (Kate Winslet), Tochter des Rektors der Universität von Christchurch und eigentlich Engländerin, jedoch schon weit in der Welt herum gekommen. Sie beeindruckt Pauline durch ihre selbstsichere, manchmal unverfrorene Art im Umgang mit Lehrern und schnell stellen beide fest, dass sie eine Menge gemeinsam haben: Beide verbrachten in ihrer Kindheit eine lange Zeit im Krankenhaus, Juliet wegen Lungenproblemen, Pauline wegen Osteomyelitis. Mit ihrer lebhaften Phantasie haben beide einen Hang zu melodramatischen Romanzen und Abenteuern. Ihren Idolen, dem italienischen Tenor Mario Lanza und einigen Hollywoodschauspielern, errichten sie sogar einen Altar und verehren sie als ihre "Heiligen".

Weihnachten 1952: Von ihrem Vater bekommt Pauline ein Tagebuch geschenkt, das später traurige Berühmtheit erlangen wird. Ihr erster Eintrag: "Mein guter Vorsatz fürs neue Jahr: Toleranter sein gegen andere..."

Juliet und Pauline beginnen, ein Phantasie-Königreich zu erfinden, Borovnia, das in der "4. Welt" liegt. Borovnia wird beherrscht von dem Königspaar Deborah und Charles Trelawney, die im Zuge der rasch ausufernden Geschichten einen Sohn, Diello, bekommen. Fest von ihrer Genialität überzeugt, träumen sie davon, ihre Einfälle als Roman zu veröffentlichen. Doch die Vorstellung Borovnias reicht nicht, und so stellen die beiden z.B. Diellos Geburt im Spiel nach, wobei Pauline Charles und Juliet Deborah verkörpern, oder modellieren kleine Figuren ihrer Charaktere. Während Paulines Eltern den Geschichten eher verständnislos gegenüberstehen und Juliets Vater es vorzieht, darüber zu schweigen, ermutigt Juliets Mutter sie stets und zeigt reges Interesse an ihnen. Pauline beginnt davon zu träumen, ein Leben mit Juliet und Mr. und Mrs. Hulme als Eltern zu führen.

Plötzlich erkrankt Juliet an Tuberkulose, während ihre Eltern nach England reisen. Da sie keinen Besuch bekommen darf, schreiben sie und Pauline sich lange Briefe, wobei Pauline erneut in die Rolle von Charles und Juliet in die Deborahs schlüpft:

"Mein liebster Charles! Ich bete Dich an und vermisse Dich so. Ich sehne mich nach dem Tag, an dem wir wieder vereint sein werden. Während ich hier schmachte, in diesem Haus des Elends und des Siechtums, kreisen meine Gedanken immer wieder um unseren Sohn, um unseren Diello. Erst 10 Jahre alt, hat er bis heute schon 57 Menschen gemordet und nichts spricht dafür, dass er je davon ablassen wird. Ich bin tief beunruhigt, Charles."

- "Mein liebster Liebling, Deborah! Die Staatsgeschäfte nehmen mich voll und ganz in Anspruch. Lass Dir berichten, dass die niederen Klassen ein trostloser Fall sind. Erst gestern sah ich mich veranlasst, einige Bauern hinzurichten, nur um die unerträgliche Langeweile etwas zu lindern..."

Neben den ersten Gewaltphantasien schleicht sich zu diesem Zeitpunkt auch Eifersucht in die Beziehung: Als Pauline erzählt, der Untermieter John habe sich in sie verliebt, will Juliet sich erst beruhigen, als Pauline ihr versichert, er sei "nur ein dummer Junge" . In Wirklichkeit scheint Pauline ihn recht gern zu mögen und die Episode findet ihren Niederschlag in Borovnia, wo Deborahs Tennislehrer Nicholas (John) sich in die Zigeunerin Gina verliebt. Als John eines Nachts in Paulines Zimmer kommt und die Beiden dort von Mr Rieper überrascht werden, muss John ausziehen. Trotz des Zorns ihrer Eltern macht Pauline sich einige Tage später auf den Weg zu John:

"Ich bin ganz durcheinander. Nicholas fehlt mir so sehr. Mutter denkt, ich werde jetzt nichts mehr mit ihm zu tun haben, aber sie hat ja keine Ahnung. [...] Nicholas war sehr erfreut über mein Kommen. Wir haben eine Stunde lang nur geredet, dann sind wir ins Bett gegangen. Zuerst wollte ich nicht, aber dann ist er sehr bestimmt geworden und da konnte ich einfach nicht anders. Ich merkte, dass ich meine Unschuld beim ersten Mal noch nicht verloren hatte, aber jetzt, daran besteht kein Zweifel mehr."

Pauline gefällt es nicht sehr, denn während sie noch mit John im Bett liegt, träumt sie sich nach Borovnia – jetzt als Gina -, wo sie auf Deborah/ Juliet trifft, doch der Traum verkommt zusehends zum Alptraum.

Juliet wird schließlich als gesund aus dem Sanatorium entlassen, wo ihr Vater und Pauline sie abholen. Auf der Rückfahrt sitzen beide glücklich im Auto und halten einander an den Händen. Dazu ein Tagebuch-Gedicht von Pauline aus dem Off:

"Ein Mann hatte zwei wunderschöne Töchter,
Es waren zwei pflichtbewusste Töchter.
Und niemand weiß und niemand ahnt,
Wie süß es ist, wenn eine Hand die andere streichelt.
Und niemals wird die Welt verstehen, dass zwei Genies hier zueinander fanden.

Gegen diese beiden Geschöpfe ist jeder Mann ein Trottel.
Die Welt kann sich glücklich schätzen, dass sie von ihnen beherrscht wird
Und huldigt der Macht dieses wundervollen Paares, das sich in hingebungsvoller Liebe zugetan ist.

Es ist wahrhaftig ein Wunder, dass es zwei so himmlische Geschöpfe auf Erden gibt,
Zwei Augenpaare so verschieden, geheimnisvoll und unergründlich,
Ungerührt blicken sie auf die Menschen, wie sie sich verändern und verfallen.
Hass brennt in braunen Augen, heiß und lodernd.
Eisiger Zorn brennt in den grauen, unbarmherzig und verächtlich.

Warum nur sind die Menschen solche Narren,
Dass sie nicht die Weisheit erkennen, die hinter solchen Augen verborgen ist?
Und diese prachtvollen Geschöpfe sind wir, du und ich."

Verdächtige Freundschaft

Auch Mr Hulme bemerkt die wachsende Intimität zwischen seiner Tochter und deren Freundin. Er sucht Paulines Eltern auf, weil ihn "die Intensität dieser Freundschaft" besorgt und gibt Mrs Rieper die Adresse eines Freundes, Dr Bennetts, der Allgemeinmediziner mit Erfahrung in Kinderpsychologie ist. Seine offensichtliche Homophobie verhindert zwar, dass er seinen Verdacht offen ausspricht, aber Mrs. Rieper versteht nur zu gut.

Dr Bennett erscheint zwar nicht weniger homophob (er spricht von "psychischer Konfusion" und bekommt das Wort "Homosexualität" kaum über die Lippen), rät Paulines Mutter aber, nichts zu unternehmen, da es nur eine Phase sei. Und falls nicht, böte der medizinische Fortschritt auch dafür eine Lösung...

Himmlische Kreaturen 2
Infos
NZ/ D 1994
R:
Peter Jackson
B:
Peter Jackson,
Fran Walsh
D:
Melanie Lynskey,
Kate Winslet

 

F o r u m 
F i l m e  
H o m e