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DykesVision / Lesbenfilme / Anne Trister

Anne Trister - Zwischenräume

Kritik von Imke

Anne Trister - der Name ist Programm in diesem Film. Noch bevor wir die ersten Bilder sehen, hören wir das Weinen Annes (Albane Guilhe) und das dumpfe Geräusch von hart aufeinander schlagenden Steinen, die sich später als Teile des Sarges von Annes Vater herausstellen, um den sie gerade trauert.

Die (jüdische) Beerdigung findet in der Wüste Israels statt (überhaupt haben wir es im Laufe des Films mit ziemlich vielen Wüsten zu tun: Sandwüsten, Schneewüsten, gemalten Wüsten usw. - "Desert Hearts" hätte als Titel auch ohne weiteres gepasst...). Als Anne zurück in die Schweiz fliegt, wo sie in Lausanne Kunst studiert, wird ihr klar, dass sie ihr Leben neu ordnen muss. Sie verabschiedet sich von ihrem Freund Pierre und ihrer Familie und fliegt nach Kanada an den Ort, an dem ihr Vater lange gelebt hat. Die Reise wird für sie nicht nur zu einer Suche nach dem Vater sondern auch der Mutter und schließlich eine Reise zu sich selbst.

In Kanada wird Anne herzlich aufgenommen. Ein alter Freund ihres Vaters besorgt ihr eine Lagerhalle, die sie als Atelier umfunktionieren kann (und deren Gestaltung und Veränderung symbolisch für ihre Innenwelt stehen). Und eine frühere Bekannte ihres Vaters, die Kinderpsychologin Alix (Louise Marleau), nimmt sie bei sich auf.

Alix lernen wir zunächst bei der Arbeit kennen, und zwar bei der Arbeit mit der kleinen, schwer erziehbaren Sarah. Diese psychotherapeutischen Sitzungen werden im Laufe des Films immer wieder eingeblendet, in ihnen bildet sich die psychische Entwicklung Sarahs ab, die parallel zur Selbstfindung Annes verläuft.

Zunächst läuft alles sehr gut. Alix und ihr Freund Thomas, der Tischler ist, helfen ihr dabei, die Lagerhalle in Schuss zu bringen und sie atelierfähig zu machen. Dann allerdings verliebt sich Anne in Alix. Diese reagiert natürlich nicht hocherfreut (vgl. Ivanovas 11 Regeln für Storyliner) sondern ziemlich verstört und zeigt das filmtypische "Ich-habe-dich-auch-sehr-gern-ich-fühle-mich-wohl-wenn-wir-zusammen-sind-aber-ich-bin-zu-so-etwas-nicht-bereit-und-ich-werde-es-niemals-sein"-Verhalten und entschließt sich sogar, endlich mit ihrem Freund Thomas zusammenzuziehen.

Anne aber lässt sich nicht beirren (und stetes lesbisches Wasser höhlt ja bekanntlich den heterosexuellen Stein, zumindest im Film) und trennt sich von Pierre mit der Begründung: "Ich liebe Alix... Auch wenn sie mich niemals genauso lieben wird... Ich weiß es nicht... ich... ich muss es einfach leben."

Mit diesem Bekenntnis zu Alix, zu sich und zu ihrem neuen Lebensentwurf ist das Schwerste geschafft, und wir dürfen parallel zu Annes entwicklungsgeschichtlichen Meilenstein den wunderschönen französischen Song "De la main gauche" hören, der später noch mehrfach eingespielt wird und eigentlich jedes sich gerade im Coming-out befindende Herz höher schlagen lassen müsste. Im Französischen klingt das Chanson selbstverständlich viel poetischer, ist klar, aber hier trotzdem seine deutsche Übersetzung:

Ich schreibe dir mit der linken Hand,/ der, die noch nie gesprochen hat./ Sie zögert, sie ist so linkisch,/ dass ich sie immer versteckt hielt./ Ich steckte sie in die Tasche,/ und da sah sie alles schwarz./ Sie spielte mit dem Häkchen/ und erfand für sich Geschichten.

Ich schreibe dir mit der linken Hand, der, die noch nie gezählt hat./ Der, die immer die Fehler machte,/ so jedenfalls hat man gesagt./ Ich wollte sie zum Schweigen bringen,/ um den rechten Weg zu finden,/ ein Leben ohne großes Geheimnis,/ wo man sich nicht die Hand reicht./ Wörter am schmalen Seitenrand/ werden zu zittrigen Skizzen./ Ich fühle mich so ungeschickt,/ und trotzdem fühl' ich mich gut./ Genau das ist mein Elend,/ genau das ist meine Wahrheit./ Ich habe nie Geschick besessen,/ immer nur eine falsche Identität.

Ich schreibe dir mit der dummen Hand./ Die ballt sich nicht zur Faust./ Für den Krieg gibt sie sich nicht her,/ für die Macht ist sie nicht begabt./ Jetzt habe ich sie entdeckt/ wie einen vergessenen Schatz./ Und die Sicht ist wieder frei/ auf all die un-rechten Wege./ Man nimmt immer den rechten Weg,/ denn der ist kürzer, ja der ist kürzer./ Doch sieht man nicht, wie schmal er ist,/ dass da kein Platz für Liebe ist./ Ich wollte sagen,/ dass ich dich liebe/ ohne Hoffnung und ohne Bedauern./ Ich wollte sagen,/ dass ich dich liebe, liebe,/ weil es sich wahr anhört.

Nun ja, im Laufe der nächsten Zeit wird Alix dann doch klar, dass sie Anne liebt, und sie eröffnet Thomas, sie wolle wieder zu Anne in die Wohnung zurückziehen. Dieser sucht Anne wutentbrannt in ihrem Atelier auf, und es kommt zu einem folgenschweren Unfall, bei dem Anne von einem hohen Gerüst fällt. Und mehr sei hier nun wirklich nicht verraten...

Ich muss gestehen, dass ich bestimmt nur ein Viertel der zahlreichen Metaphern in diesem symbolprallen Film verstanden habe. Aber macht eigentlich nichts, in jedem Falle ist er sehr poetisch angelegt und schön anzusehen - allerdings nicht in jeder Stimmungslage, denn Melancholie und Schwere machen die Atmosphäre dieses Films aus.

Irritiert haben mich die Parallelen, die Léa Pool zwischen der Beziehung von Anne und Alix und der töchterlichen Suche nach der Mutter zieht. Zugegeben, irgendwie sind wir ja alle auf der Suche nach unserer Mutter (oder möchte da jetzt eine widersprechen?), aber nach meinem Empfinden wird im Film das lesbische Begehren zu sehr darauf reduziert - und das eignet sich mal wieder sehr gut als Futter für irgendwelche homophoben PsychiaterInnen. In der lespress(Ausgabe 74) hat sich Léa Pool zu ihren filmischen Werken geäußert: "Ich fühle mich moralisch nicht verpflichtet, positive Vorbilder zu schaffen (...) Die Liebe ist eines der schwersten Dinge im Leben überhaupt. Meine Filme sind autobiographisch, alles, was ich an großem Leid erfahren habe, spiegelt sich darin. Das ist meine Überlebensstrategie. Ich erzähle von meiner Kindheit, von der Beziehung zu meiner Mutter und von meinen bitteren Erfahrungen in der Liebe."

Wie ihr seht: Eine Autorin und Regisseurin streitbarer Filme. Falls ihr also mal wieder Lust verspürt, nicht nur dem lesbischen Herzen, sondern auch dem lesbischen Diskurs einen Dienst zu erweisen: "Anne Trister" unbedingt anschauen!


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Infos
CAN
1986
R:
Léa Pool
B:
Marcel Beaulieu,
Léa Pool
D:
Albane Guilhe,
Louise Marleau,
Guy Thauvette,
Hugues Quester

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