DykesVision / Lesbenfilme / Aimée und Jaguar 1

Aimée und Jaguar

Kritik von Imke

"Sie nahm mich in den Arm und küsste mich und ich - es war geschehen. Ja, ich hatte das Gefühl, als versinkt alles. Mein ganzes bisheriges Leben versank in diesem Augenblick... ich stand in Flammen... ich hätte mich gar nicht wehren können, das war gar nicht drin, und ich war vor allem endlich ich selber... Das war ein wunderbares Gefühl zu wissen, wer man wirklich ist."

Dieses Zitat von Lilly Wust stammt aus dem Dokumentarfilm "Das kurze Glück zum langen Traum", der 1994 als Reaktion auf Lillys Rede bei ihrer Verleihung des Bundesverdienstkreuzes gedreht wurde. Als die heute weit über 80jährige Berliner Hausfrau, die während der Zeit des Dritten Reiches drei jüdischen Menschen Unterschlupf gewährt hatte, 1981 in ihrer Rede dem erstaunten Publikum eröffnete, ein Tagebuch über die damalige Zeit geschrieben zu haben, wurde sie von Journalisten aus aller Welt bedrängt, dieses Tagebuch zu veröffentlichen.

Eine medienwirksame Story wurde gewittert - und die Journalisten sollten Recht behalten: Als Lilly Wust nach langem Zögern begann sich, zu öffnen, offenbarte sich ihnen eine zartbittere Liebes- und Leidensgeschichte, die die "Wucht einer klassischen Tragödie" besaß. Es ging um einen historischen Stoff über das nackte Überleben während des Krieges, um die trotzige "Carpe-Diem"-Stimmung in Berlin, um die Judenverfolgung und um eine große, tragische Liebe zwischen einer biederen Nazi-Mitläuferin und einer intellektuellen Jüdin, die im Widerstand aktiv war. Verschiedene Dokumentarfilme, eine Ausstellung über Felice Schragenheim, das Buch "Aimée und Jaguar" von Erica Fischer (ein Besteller, der in 11 Sprachen übersetzt wurde) und schließlich ein großzügig angelegter Spielfilm waren die Folge von Lilly Wusts Schritt in die Öffentlichkeit.

Viele Szenen in Max Färberböcks Film wirken wie dramaturgische Leinwandtricks und beruhen dennoch auf realen Begebenheiten. So zum Beispiel der Weg des Kennenlernens von Lilly Wust (Juliane Köhler) und Felice Schragenheim (Maria Schrader), die der bekennenden "Nazisse" 1942 im "Café Berlin" frech ihren Arm hinhält, um zu testen, ob diese wirklich Juden riechen könne, wie sie behauptet hat. Natürlich riecht Lilly nur Felices französiches Parfüm.

Aimée und Jaguar beim Tanz

Lilly ist zu dieser Zeit 29 Jahre alt und in erster Linie damit beschäftigt, ihre vier kleinen Kinder durch den Krieg zu bringen, während ihr Ehemann Günther (Detlev Buck) gegen "den Russen" an der Front kämpft.

Einzige Abwechslungen vom tristen Alltag bieten kurze Affären mit deutschen Soldaten. Als Lilly über ihr Hausmädchen Ilse (Johanna Wokalek) Felice und ihre Freundinnen kennenlernt, ist sie sichtlich irritiert, aber auch fasziniert von diesen klugen, starken und lebenshungrigen Frauen, die sie in eine neue Welt einführen.

Felice hatte schon vor einiger Zeit, wie viele andere Juden auch, einen Abschiedsbrief verfasst und war untergetaucht. Um an wichtige politische Informationen heranzukommen, arbeitet sie inzwischen unter dem Namen Felice Schrader als Sekretärin des Chefredakteurs (Peter Weck) vom "Reichsblatt". Privat wohnt sie bei ihrer (mal mehr, mal weniger) Geliebten Ilse und versucht gemeinsam mit ihren Freundinnen, dem Leben das Bestmöglichste abzugewinnen. "Manchmal dachte ich, Felice wäre viele Menschen. Und immer, wenn man einen hat, wird man von 'nem anderen betrogen. Sie war wirklich schwer zu fassen", sagt ihre Freundin Ilse über sie. Ein kleiner Flirt ist immer drin für Felice, und die Avancen, die sie Lilly macht, sollen wohl zunächst auch nur ein Flirt sein, aber dann verlieben sich die beiden Frauen ineinander.

Schließlich geschieht das, was Lilly Wust 85jährig schmunzelnd mit "Und dann überfiel sie mich ja in der Küche" beschreibt. Ein Kuss, der zunächst von Lilly heftig abgewehrt wird, zu dem sie aber heute sagt, sie sei "wohl schon entflammt gewesen". Lilly ist froh, als ihr Mann Günther, der über Silvester Fronturlaub bekommen hat, wieder weg ist. Kaum ist Günther aus dem Haus, klopft auch schon Felice an die Tür desselbigen. Und diesmal ist Lilly bereit. Wir werden ZeugInnen einer zitternden Erfüllung von Sehnsüchten, deren Intensität beide Beteiligten kaum aushalten können.

Bett

Felice, die eh kürzlich von Ilses Vater aus der Wohnung geworfen wurde und im Keller der Redaktion Zuflucht gesucht hatte, zieht bei Lilly ein und verändert Lillys Leben von Grund auf. Lilly ist von einem nie gekannten Glück erfüllt und freut sich darüber, dass Felice sich auch mit ihren Kindern bestens versteht. Zum ersten Mal fühlt sich ihr Leben richtig an. Und Felice ist froh, endlich in Sicherheit zu sein: Bei einer Nazi-Mitläuferin mit Mutterkreuz wird sie niemand vermuten.

Diese Sicherheit wird allerdings ernsthaft gefährdet, als Lilly von ihrem Mann die Scheidung verlangt, ein aus Lillys Sicht konsequenter und mutiger Schritt, der jedoch die Entdeckung von Felice und ihren jüdischen Freundinnen zur Folge haben könnte. Da Lilly immer noch nichts von Felices wahrer Identität weiß, reagiert sie gekränkt auf deren Entsetzen und ist erst recht verletzt, als Felice, wie schon so oft, für einige Tage verschwindet (nämlich immer dann, wenn verstärkte Evakuierungsmaßnahmen in Berlin getroffen werden).

Lilly ("Aimée") leidet zunehmend unter den "Eskapaden" ihrer geliebten "Jaguar"; sie vermutet, dass Felice sich hinter ihrem Rücken mit anderen Frauen trifft. Unterdessen überlegen Felice und ihre FreundInnen aus dem Untergrund fieberhaft, wie sie sich in Sicherheit bringen können, denn die Nazis sind längst dabei, die "Endlösung in der Judenfrage" zu vollziehen. Felices FreundInnen bereiten ihre Ausreise in die Schweiz vor und raten ihr dringend, dies ebenfalls zu tun. Aber Felice mag Lilly nicht allein lassen, sie zögert.

Als Felice Lilly zu Hause aufsucht und ihr gesteht, dass sie Jüdin ist, reagiert Lilly zunächst verstört, dann aber fest entschlossen (in der Psychologie nennt man dieses Verhalten "Romeo-und-Julia-Effekt", aber das nur anbei): Jetzt erst recht!

Aimée und Jaguar 2

Diskutiert eure Lieblingsfilme im Forum!

Infos
D 1999
R:
Max Färberböck
B:
Max Färberböck,
Rona Munro
D:
Maria Schrader,
Juliane Köhler,
Johanna Wokalek,
Heike Makatsch,
Detlev Buck
Vorlage:
Erica Fischer

Filme | Sitemap | DykesVision