Disclaimers
Category:
Emergency Room
Pairing:
Kerry/ ?
Rating:
hmmm... ab 14?
Spoiler:
keine
E-Mail: judyKK42@yahoo.de
Filmriß oder Der grüne Drache
von Judy
Der Tag war bereits weit fortgeschritten, als es dem ersten vorwitzigen Sonnenstrahl gelang, sich seinen Weg hin zu der im Bett zusammengerollten Gestalt zu bahnen. Zielstrebig überquerte er den zierlichen Körper unter der Decke, liebkoste eine zarte Wange und kitzelte eine grazile Nasenspitze, um schließlich auf den geschlossenen Augenlidern der Schläferin zu landen und diese unbarmherzig aus dem Reich der Träume in die Wirklichkeit zurückzuholen. Ein zerzauster roter Haarschopf wurde noch mehr zerrauft, als Bewegung in die schlafende Frau kam. Sie wälzte sich herum, wobei ihre Arme und Hände Greifbewegungen vollführten, als wolle sie ihre schönen Träume noch ein wenig länger festhalten, doch es nützte nichts.
Kerry Weaver erwachte. Sie schlug die Augen auf und bereute es im gleichen Augenblick. Wie waren nur die Bauarbeiter mit den Preßlufthämmern in ihr Schlafzimmer gelangt, und was zum Teufel hatten sie in ihrem Schädel zu suchen?
Ein Stöhnen entrang sich ihrer Kehle, und sie zog sich die Bettdecke über den Kopf. O Gott, es war bestimmt schon zwanzig Jahre her, daß sie zuletzt mit einem so schlimmen Kater aufgewacht war. Oder sogar länger?
Sie beschloß, derartig schwierige Probleme der höheren Mathematik auf eine geeignetere Zeit zu verschieben, und versuchte sich zunächst einmal an einfacheren Aufgaben, als da wäre, die Augen zu öffnen, ohne dabei gleich den Eindruck zu gewinnen, sich bei Windstärke 12 auf einem Ozeandampfer zu befinden.
Zweiter Versuch. Sie schlug vorsichtig die Decke zurück. Langsam hob sie zur Sicherheit erst einmal das eine Augenlid und riß dann plötzlich beide Augen weit auf. Wie konnte das Licht aus dieser Richtung kommen? Egal, wann immer sie aufstehen mußte, nie fiel es von rechts auf ihr Bett, sondern immer nur von links.
Trotz der brutalen Methode gewöhnten sich ihre Augen allmählich doch an die Sonneneinstrahlung. Das erste, was Kerry bewußt wahrnahm, war ein riesiges Poster, das ihr gegenüber an der Wand hing. Es war in dunklen Farben gehalten und zeigte vier langhaarige, tätowierte Männer in schwarzer Lederkleidung und mit düsterem Blick. Der Schriftzug zu ihren Füßen war unleserlich.
Sie blickte sich suchend um. Wo war ihre Brille? Auf dem Nachttisch wurde sie fündig. Ihr Lesegerät lag wohlbehalten neben einem Stapel aus Comics, Zeitschriften und einigen Büchern, einer Micky Maus-Lampe und einem Raumschiff Enterprise-Wecker.
Okay, dies war ganz offensichtlich nicht ihr Schlafzimmer, soviel war nun klar.
Kerrys Gehirn befand sich noch in einem zu vernebelten Zustand, um so etwas wie Panik zu entwickeln, und war so sehr an rein logisches, wissenschaftliches Denken gewöhnt, daß es auf Autopilot umschaltete. Zwei entscheidende Fragen mußten beantwortet werden. Erstens: Wem gehörte diese Wohnung? Und zweitens: Was tat sie hier?
Neugierig ließ sie ihren Blick durch den Raum schweifen. An den Wänden hingen noch weitere Abbildungen von Heavy Metal-Bands sowie ein Airbrush-Bild, auf dem eine schöne Harpyie eine leichtbekleidete Amazone küßte. Auf einem weiteren war ein großer Fantasy-Drache abgebildet. Wo nur hatte sie dieses Bild schon gesehen? Es sah aus wie das perfekte Tatoo-Motiv.
Randi? Malucci hatte die Empfangsdame der Notaufnahme einmal als "lebendes Bilderbuch" bezeichnet. Und ihre Kleidung gab ja meist auch genügend Gelegenheit, ihre Bilder ausführlich zu betrachten...
Jetzt, wo Kerry darüber nachdachte, war sie sich fast sicher, ein Drachenmotiv unter den zahlreichen anderen Tatoos der jungen Frau gesehen zu haben. Hm, an welcher Körperstelle eigentlich? Aber das war im Moment unwichtig.
Nun, die Wahrscheinlichkeit war ziemlich groß, daß sie sich hier in Randis Wohnung befand. Aber der analytische Verstand der Ärztin forderte Gewißheit. Sie warf einen genaueren Blick auf den Zeitschriftenstapel auf dem Nachttisch. Gleich auf dem obersten Heft, einem Modemagazin, klebte ein Abo-Aufkleber mit der vollständigen Adresse der Empfängerin.
Bingo sie befand sich definitiv in Randis Behausung.
Es wurde nun Zeit, die Antwort auf die zweite Frage zu finden: Warum?
Hm. Heute war... Sonntag, wie sich der Enterprise-Wecker mit Captain Picards Stimme entlocken ließ. Dann war am Tag vorher wohl Samstag gewesen, schloß Kerry messerscharf. Samstag... Ach ja, die Wohltätigkeitsveranstaltung. Sie konnte es immer noch nicht glauben, daß sie sich wirklich hatte breitschlagen lassen hinzugehen. Aber schließlich war es für einen guten Zweck gewesen. Carters Großeltern hatten sich mal wieder selbst übertroffen.
Und ja, sie hatte sich sogar amüsiert, wie sie sich fast widerwillig selbst eingestehen mußte. Es war wirklich nett gewesen. Es hatte himmlischen Wein gegeben...
Aber das war nicht der einzige positive Aspekt des gestrigen Abends gewesen. Sie hatte das erste Mal seit langer Zeit wieder Gelegenheit gehabt, sich etwas ausführlicher mit John Carter zu unterhalten, zum ersten Mal, seit er aus ihrem Basement ausgezogen war.
Und sie war mit Leuten aus dem Krankenhaus ins Gespräch gekommen, mit denen sie sich sonst noch nie privat unterhalten hatte.
Randi, zum Beispiel. Ihr war bewußt, daß die junge Frau viel von ihr hielt. Aber sie war doch etwas erstaunt gewesen, daß diese mit ihr geflirtet hatte. Oder wie sollte man es sonst nennen, wenn jemand einem mit einem Augenzwinkern vorschlägt, einem sein neuestes Tatoo zu zeigen?
Hm, sie war ohne Zweifel attraktiv. Das lange, dunkle Haar, die ausdrucksvollen Augen, das feingeschnittene Gesicht, die schlanke Figur, das hübsche Dekolleté welches zu bewundern sie häufig genug Gelegenheit gab...
Kerry dachte an ihr Gespräch am gestrigen Abend zurück. Seltsam, sie konnte sich überhaupt nicht erinnern, worüber sie gesprochen hatten. Das einzige, was ihr in den Sinn kam, waren Bilder von Randi: Wie sie sprach. Wie sie lachte. Wie ihre Augen funkelten. Wie sie stöhnte, den Kopf in den Nacken zurückgeworfen...
Was??? Kerry konnte nicht glauben, was sie gerade gedacht hatte. Sie hatte gestern wohl eindeutig ein Glas zuviel getrunken.
Ja, und genau das war doch der Grund, daß sie bei Randi übernachtet hatte. Die junge Frau wohnte wesentlich näher am County als sie selbst. Es war nett von ihr, sie in ihrer Wohnung schlafen zu lassen. Nein, mehr als nett es war doch wohl ungeheuer selbstlos, die Chefin in ihrem Bett übernachten zu lassen!
Aber wo hatte eigentlich Randi geschlafen? Diese Wohnung besaß offensichtlich nur ein einziges Zimmer...
Mühsam versuchte Kerry sich aufzusetzen, um vergeblich nach einem Sofa Ausschau zu halten, wobei sich eine bestürzende Entdeckung nicht vermeiden ließ. Die drängendste aller Fragen lautete nun: Warum, verdammt noch mal, hatte sie keinen Schlafanzug an??
Mit einem Mal hellwach und nicht gewillt, sich mit der berechtigten Frage auseinanderzusetzen, warum sie nichts am Leibe trug, nicht einmal Unterwäsche, tastete sie mit der Hand suchend unter das Kopfkissen. Irgendwo mußte ihre Kleidung doch sein... Nichts.
Fest entschlossen, nicht aufzugeben, setzte sie ihre Suche unter der Decke fort. Ah, da war etwas, was sich wie ein Kleidungsstück anfühlte. Triumphierend zog sie es hervor. Es war ein dünnes, schwarzes Hemd aus Satin, mit einem Einsatz aus Spitze. Ganz entzückend und es gehörte definitiv nicht ihr.
Kerry hatte plötzlich das Gefühl, als zöge ihr jemand den ohnehin nicht allzu festen Boden unter den Füßen weg. Das konnte doch wohl nicht das bedeuten, wonach es aussah!
Es wurde langsam Zeit, sich einmal mit Randi zu unterhalten. So peinlich es auch sein mochte, vielleicht konnte ihr die junge Frau ein paar Sachen erklären und sie beruhigen...
Aber wo war diese überhaupt? Im County sie hatte ab Mittag Dienst, fiel der Chefärztin mit einem Mal ein. Okay, offensichtlich war sie allein in der Wohnung.
Auf einmal nahm Kerry den Kaffeeduft bewußt wahr, der ihr schon seit einiger Zeit verführerisch in die Nase gestiegen war der ultimative Auslöser, um sich ernsthaft mit dem Gedanken ans Aufstehen zu beschäftigen. Schön und gut, aber wo, um Himmels Willen, war ihre Kleidung? Auch wenn niemand außer ihr hier war, war der psychologische Effekt, der Welt angezogen statt nackt gegenüberzutreten, nicht zu unterschätzen.
Sie spähte über den Bettrand. Diverse zusammengeknüllte Haufen, die irgendwie vertraut wirkten, waren in einem wilden Muster über den Teppich verteilt. Kerry angelte über den Rand nach dem ersten und hatte tatsächlich glücklich ihren Slip in der Hand. Ungeachtet seines Zustandes zog sie ihn an. Kaum zu glauben, was für einen Unterschied so ein winziges Kleidungsstück machen konnte!
Indem sie diesmal schärfer hinsah, fand sie auch ihr Hemd aus weißer Rohseide. Nur, daß es jetzt nicht mehr weiß war: Am vorderen Rand waren einige rote Spuren zu entdecken eindeutig Lippenstift. Typisch, kaum trug sie etwas Weißes, gelang es ihr mit Sicherheit, gleich Flecken darauf zu machen! Aber dies war ein dunkleres Rot, als sie gestern aufgelegt hatte... Welche Farbe hatte eigentlich Randis Lippenstift gehabt?
Schluß jetzt, schalt sie sich selber. Das Licht im Raum blendete und konnte die Farben durchaus verfälschen. Am besten war es wohl, erst einmal eine schöne, heiße Dusche zu nehmen und die anstehenden Fragen noch ein paar kostbare Minuten hinauszuschieben.
Aber um ins Bad zu gehen, würde sie ihre Krücke brauchen. Wo war sie nur?
Entschlossen stieg Kerry aus dem Bett und hielt sich am Bettpfosten fest, um ihre Erkundung fortzusetzen. Schließlich fand sie den ersehnten Gegenstand, halb unter dem Bett liegend. Warum... Egal.
Selbst mit der Unterstützung ihrer Gehhilfe war sie ziemlich wackelig auf den Beinen. Kein Wunder, spottete sie im Stillen, bei dem Filmriß heute mußte sie zweifelsohne eine ordentliche Menge zu sich genommen haben! Nun, kein Wunder bei der angenehmen Gesellschaft...
Kerry schüttelte den Kopf über sich selbst und verschwand im Badezimmer, ohne sich Gedanken darüber zu machen, warum sie sich in dieser Wohung auskannte.
Diese tauchten erst wieder auf, nachdem sie die Tür sorgfältig abgeschlossen hatte, um gegen weitere Überraschungen gefeit zu sein. Dieser Plan ging leider nicht auf, wie sie bemerken mußte, als ihre bloßen Füße auf den kühlen Kacheln plötzlich auf etwas ungewohnt Weiches traten. Mit etwas Mühe, und ihr Schwindelgefühl ignorierend, bückte sie sich, hob den Stoffetzen auf und hielt ihren Bh in der Hand. Sie ließ ihn langsam durch ihre Finger gleiten, während ihr erschöpftes Hirn ohne Erfolg eine beruhigende Erklärung dafür suchte, was dieses sehr persönliche Kleidungsstück zerknüllt auf dem Badezimmerfußboden in einer fremden Wohnung tat. So glatt, so seidig wie zarte Haut unter ihren Händen...
Entschieden rief sie sich selbst in die Realität zurück und stieg in die Dusche. Als sie unter der Brause stand und das Wasser wohltuend auf sie niederprasselte, entspannte sie sich ein wenig. Es störte sie auch nicht sehr, daß einige kleine Stellen an ihrem Rücken bissen und schmerzten, als ob sie sich dort Kratzer zugezogen hätte. Das war erstaunlicherweise sogar ein angenehmes Gefühl, wie eine verschwommene Erinnerung an ein schönes Erlebnis. Sie schloß ihre Augen und mußte gleich wieder an Randi denken.
Kerry öffnete die Augen wieder. Was machte diese Frau denn nur ständig in ihrem Kopf?
Sie drehte eilig das Wasser ab und begab sich auf die Suche nach einem frischen Handtuch. Es gab wohl doch einen Gott, denn sie fand tatsächlich eins. Schnell trocknete sie sich ab, ohne den merkwürdig empfindlichen Stellen an ihrem Körper zuviel Beachtung zu schenken oder der Tatsache, um welche Stellen es sich dabei handelte...
Als sie dann vor dem Spiegel stand und überlegte, ob sie sich die Zähne mit Randis Zahnbürste putzen oder sie ungeputzt lassen sollte, erregten mehrere blaue Flecken an ihrem Hals ihre Aufmerksamkeit. Aber hatte sie sich nicht gestern etwas unglücklich an der Tür des Spiegelschränkchens im Bad gestoßen?
Sie verdrängte die Frage und löste zuerst ihr Problem bezüglich ihrer Zähne, indem sie mit sich selbst übereinkam, daß weder Randi noch sie selbst daran sterben würden, wenn sie die fremde Bürste benutzte.
Und sie mußte zugeben, daß es ihr sogar Vergnügen bereitete, dieses doch sehr persönliche Instrument Randis für ihre eigene Mundpflege zu verwenden. Die dunkelhaarige Frau hatte so schöne Zähne überhaupt einen sehr schönen Mund, schöne Lippen. So weich...
Kerry riß sich gewaltsam los, wandte sich hastig vom Spiegel ab, um die Röte in ihrem Gesicht nicht sehen zu müssen, und ging zurück ins Schlafzimmer, um sich anzuziehen. Es überraschte sie kaum noch, zwischen ihren auf dem Boden verteilten Kleidungsstücken einen unbekannten, sehr aufregenden schwarzen Satinslip zu finden, indem sie sich darauf konzentrierte, nicht die Wahrscheinlichkeit auszurechnen, daß diese ganzen "Zufälle" etwas anderes als das Offensichtliche bedeuteten.
Aber als sie entdeckte, daß fast sämtliche Knöpfe ihrer schwarzen Seidenbluse abgerissen waren, nur um diese teils auf dem Boden des Schlafzimmers, teils sogar im Bett wiederzufinden, verlor sie doch leicht die Fassung...
Ohne noch einen Gedanken an Kaffee zu verschwenden, floh Kerry Weaver aus Randis Wohnung. Nie wieder würde sie auch nur einen einzigen Tropfen Alkohol zu sich nehmen, schwor sie sich selbst.
* * *
Zwei Stunden später.
Dr. Kerry Weaver, ihres Zeichens Chefärztin der Notaufnahme im Chicago County Hospital, trat ihren Dienst an.
Als sie die Halle von der Eingangstür hin zur Anmeldung durchquerte, war sie unerklärlicherweise nervös.
Doch es half alles nichts, die Arbeit wartete. Auf in den Kampf!
Kerry straffte die Schultern, atmete tief durch und trat zum Tresen, hinter dem Dave Malucci und Randi sich angeregt unterhielten.
"Da hast du ein neues Tatoo?! Aber warum erzählst du mir das überhaupt, wenn ich es sowieso nie zu sehen kriege?" verlangte Malucci enttäuscht von der jungen Frau zu wissen.
"Weil es einfach soviel Spaß macht, dich zu quälen", erklärte Randi mit einem breiten Grinsen.
"Dann sag' mir doch wenigstens, was für ein Motiv es ist!" Der junge Arzt gab noch nicht auf.
Jetzt bemerkten die beiden ihre Chefin.
Randis Augen leuchteten bei ihrem Anblick erkennbar auf, und sie schenkte Kerry ein strahlendes Lächeln. "Hi."
Und in diesem Moment kam bei der Ärztin die Erinnerung an die vergangene Nacht wieder.
Sie begegnete dem intensiven Blick der jungen Frau, und plötzlich überkam sie der Übermut. Sie traf eine Entscheidung und öffnete den Mund.
"Es ist ein grüner Drache, Dave", sagte Kerry ruhig.
Indem sie Randi zuzwinkerte, verschwand sie zum Kaffeeautomaten. |