von Imke

Lesben wie du und ich

Tanz

Rosalie in Berlin, Berlin


Teil 2

Leider ist damit das Problem mitnichten gelöst, denn obwohl Hart sich beim gemeinsamen Abendessen nicht davon abhalten lässt, von den (vermuteten) Vorteilen vom Sex unter Frauen zu schwärmen, entwickelt Antonio ausgeprägten Macho-Ehrgeiz und ist wild entschlossen, Lolle beim nächtlichen Tanzen davon zu überzeugen, dass sie (natürlich) nicht lesbisch ist, sondern (natürlich) nur ihn liebt. Also geht die gesamte WG, einschließlich Nachbar Hart und Antonio, zum Tanzen, konsequenterweise in eine Homo-Disco, in der Rosalie übrigens eh mit Corinne verabredet ist. Ebenso konsequent ist Lolle von Rosalie zuvor äußerlich in eine "anständige Lesbe" verwandelt worden.

Der Tanz

Aber auch derartige Indizien halten Antonio nicht davon ab, Lolle in der Disco auf die Tanzfläche zu zerren, und Lolle kann froh sein, dass sie von ihrer gerade mit Corinne an ihnen vorbeitanzenden Mitbewohnerin errettet wird, indem Rosalie sie aus Antonios Armen wickelt und beginnt, erstaunlich aufreizend mit ihr zu tanzen. Die beiden sind derart ineinander vertieft, dass sie gar nicht bemerken, wie sich Antonio nach Luft japsend auf die Toilette begibt, und ebensowenig bemerken sie, wie die nicht eingeweihte Corinne wutentbrannt die Disco verlässt (ja, Ally und Ling, da könnt ihr euch mal ein Beispiel nehmen!). Unterdessen gelingt es Antonio, sich mit den Türsteherinnen anzulegen, und die gesamte WG wird unsanft aus der Disco befördert.

 
III All you need is friendship

"Man sollte nie mit einer Lesbe einen Kuss vortäuschen", ist Lolles vorläufige Zwischenbilanz, "denn ein vorgetäuschter Kuss macht nicht nur die Männer wild." Auch noch am nächsten Morgen prickelt es ziemlich in Lolles Unterleib beim gemeinsamen Frühstück mit Rosalie, die allerdings mehr mit der mentalen Vorbereitung auf die Sparkassen-Rolle beschäftigt ist.

Gerade als Lolle und Rosalie am Nachmittag auf den gelungenen Drehtag anstoßen wollen, taucht Corinne auf und fordert eine Aussprache mit Rosalie. Sie will von Rosalie wissen, ob sie denn nun mit ihr zusammen ist oder nicht. Rosalie findet diese Frage erheblich verfrüht und hat außerdem etwas gegen Menschen, die sie festnageln und erpressen wollen. Sie antwortet daher mit "Nein". Corinne rauscht ab und Rosalie verkriecht sich heulend auf der Dachterrasse, wohin es auch Lolle kurz darauf verschlägt, da sie mal wieder auf der Flucht vor Antonio ist. Lolle tröstet Rosalie und beginnt schließlich zögernd, sie zu küssen. Rosalie wehrt sich zunächst nicht, aber als es richtig "ernst" zu werden droht, entzieht sie sich Lolle: "Äh, Lolle, det .... det lassen wir wohl lieber, wa?" Lolle verzieht sich gekränkt auf ihr Zimmer.

Waren sie manns genug, es zu tun?

Unterdessen spekulieren Sven und Hart darüber, wie es wohl wäre, einen Mann zu küssen, und die beiden sind am nächsten Morgen reichlich erschrocken, als sie gemeinsam in Svens Bett aufwachen. Ihr grauenvoller Verdacht erweist sich jedoch schnell als unbegründet, und so können sie erleichtert in den Tag starten. Weniger erleichtert starten Lolle und Rosalie, deren Frühstück zum kleinen Desaster ausartet, als Rosalie versucht, mit Lolle ein klärendes Gespräch zu führen, über die Erotik zwischen Frauen, die eben nun mal passieren könne und völlig normal sei...

Doch nicht nur das Frühstück endet desaströs, am Set muss sich Rosalie auch noch erneut mit dem Regisseur des Sparkassen-Werbespots herumärgern. Dem ist die "Picknick-Szene" nämlich schon wieder zu leidenschaftslos. Weshalb er beschließt, seinen Schauspielern zu demonstrieren, wie ein leidenschaftlicher Kuss funktioniert und Rosalie an sich zieht. Der reicht es jetzt endgültig, und sie beginnt nun ihrerseits den Regisseur zu küssen, um ihm demonstrieren, was sie unter einem richtigen Kuss versteht. Während sie ihre Sachen zusammensammelt, fühlt sich der verdatterte Regisseur, der gerade den Kuss seines Lebens bekommen hat, wie ein erlöster Froschkönig: "Wie hast du so zu küssen gelernt?", ruft er begeistert. - "Hm... tja... Engagement, Ausdauer und zehn Jahre Sex - mit Frauen", lächelt Rosalie und stapft davon, der wachgeküßte Froschkönig hinterher. Bis in die WG verfolgt er Rosalie, dort wird er jedoch von Hart unsanft aus der Wohnung bugsiert.

Zurück in der Wohnung trifft Rosalie auf die noch immer schmollende Lolle. Um endlich wieder Frieden einkehren zu lassen, schlägt Rosalie Lolle vor, dass diese sie küssen solle, und zwar, um zu überprüfen, ob die Vorstellung, die sie im Kopf über das Küssen von Rosalie hat, überhaupt zutrifft. "Du meinst, dass das aufhört, wenn ich dich küsse? Und dass ich dann weiß, ob ich lieber Frauen oder Männer küssen will?" Rosalie nickt. Und Lolle schreitet zur Tat.

Nur das geneigte Fernsehpublikum weiß, dass Rosalie bei diesem zarten Kuss ein bisschen schummelt und eigentlich auch ganz anders könnte... Aber was ist schon Liebe gegen eine echte Freundschaft. "Und?" fragt sie. "Also, es war 'n ... es war 'n sehr guter Kuss ... aber es hat nicht gekribbelt." - "Ne?" Rosalie ist hocherfreut: "Dann können wir ja jetzt wieder Freundinnen sein, oder?" Ja, das können sie.

Mit etwas Phantasie ließe sich diese Szene durchaus so auslegen, dass Lolle knapp an intensiveren lesbischen Erfahrungen vorbeigeschrammt ist. Aber so kriegt sie denn in den nächsten Folgen endlich den gutaussehenden, sympathischen jungen Mann, der von Anfang an für sie bestimmt war, nämlich Cousin Sven.

Rosalie wird in den restlichen Folgen keine Frau mehr küssen und bleibt, ebenso wie ihr männliches Pendant Hart, solo. Sie wird weniger irgendwelchen Frauen, sondern vielmehr einer Million Euro hinterherjagen, sie wird sich weiterhin über ihre Schwester und ihre Mutter ärgern, sie wird einem verhinderten Schauspielschüler zur Prüfung verhelfen und ihre eigenen Schauspieler-Träume (vorerst) an den Nagel hängen. Und sie wird schließlich mit der abenteuerlich ergatterten Million nach New York fliegen wollen.

Und fast war an dieser Stelle zu befürchten, dass Rosalie das Schicksal so ziemlich jeder lesbischen Serienfigur erleidet, nämlich dass sie aus der Stadt - und damit aus der Serie - verschwindet (siehe auch 11 Regeln). Aber nein, noch am Flughafen besinnt sich Rosalie eines Besseren und kehrt zurück zu ihren FreundInnen. Dort wird sie auch dringend gebraucht, denn Lolle drückt sich seit geraumer Zeit vor der Auswertung ihres Schwangerschaftstests, und Sven ist so gar keine Hilfe. So braucht es mal wieder die Beherztheit von Rosalie, um herauszufinden, dass Lolle doch nicht schwanger ist und Rosalie auf ihr Tanten-Dasein noch etwas warten muss.

Noch ist zwar unklar, ob es eine Fortsetzung der Serie geben wird (siehe auch Interview mit Sandra Borgmann), aber wenn, dann ist Rosalie also dabei. Eine Fortführung wäre dieser originellen Serie durchaus zu wünschen. Nicht nur, dass hier munter durcheinander geküsst wird, sondern die Serie spielt allgemein mit so manchen Tabus: Es wird gekifft, geliebt (u.a. zwischen Cousin und Cousine), geklaut und - oft nicht "jugendfrei" - gelästert. Und im Gegensatz zu anderen Vorabendserien a là MH oder GZSZ kommt die Serie tatsächlich ganz ohne Intrigen aus (das ist schon fast guinessverdächtig!). Stattdessen steht hier neben der Liebe (sine qua non) die Freundschaft im Mittelpunkt. Und über die Lesbe als Freundin erfahren wir in der Serie Folgendes:

  1. Anders als Harry und Sally können Lesben und Heten sehr wohl beste Freunde sein.
  2. Eine Lesbe kann mit einer Hete befreundet sein, ohne heimlich und unglücklich in sie verliebt zu sein.
  3. Lesben und Heten dürfen sich ganz freundschaftlich berühren, drücken und liebhaben, ohne dass erotische Unklarheiten entstehen müssen.
  4. Lesben sind weder permanent sexuell frustriert noch ständig auf der Jagd nach Frischfleisch.
  5. Der "lesbische" Blick auf die Welt (und auf den Mann) ist oft ein anderer, auch wenn die Hete und die Lesbe auf dasselbe gucken..

Bei so vielen Fernseh-Neuigkeiten wäre es doch geradezu ein Jammer, wenn diese Pioniergestalt des deutschen Fernsehens nicht die Chance zu einer weiteren Entwicklung bekäme, und vielleicht sogar irgendwann ihre Traumfrau.

Leider ist Sandra Borgmann nach der ersten Staffel von Berlin, Berlin ausgestiegen. Rosalie wurde durch einen bisexuellen Charakter ersetzt, gespielt von Rhea Harder.


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