von Imke

Lesben wie du und ich

Lolle und Rosalie am Strand

Rosalie in Berlin, Berlin


Einführung

Und sie bewegt sich doch: Die ARD wartete zwischen dem 05.03. und dem 18.04.2002 mit einer weiteren Lesbe im Vorabendprogramm auf! Aber eben nicht mit einer der VL- oder MH-Lesben, die sich unglücklich in eine Hete verlieben, sie nach zahl- und tränenreichen Missverständnissen dann doch für sich gewinnen - um sie später irgendwann wieder zu verlieren.

Nein, hier haben wir das Exemplar einer Lesbe, das sich wohltrainiert und selbstbewusst durch den Berliner Großstadtdschungel bewegt, das amourösen Abenteuern zwar durchaus nicht abgeneigt, aber in erster Linie und vor allem eine ganz dicke Freundin ist. Rosalie ist eine mit allen Wassern gewaschene Großstadtpflanze mit großer Ost-Berliner Schnauze und einem noch viel größeren Herz. Eine Frau, die jede/r gern kennen und zur Freundin haben würde: Flippig, aber bodenständig, kreativ, aber nicht von überhöhter Genialität, eine Frau der Tat, die immer dann zu Hochform aufläuft, wenn's eigentlich nicht mehr weiter geht. Und attraktiv ist sie auch noch.

Im Mittelpunkt der quirligen Teenie-Serie stehen zwar (wo kämen wir sonst hin?) die Abenteuer und Liebensnöte der heterosexuellen zwanzigjährigen Lolle (Felicitas Woll), fremd- und selbsternanntes Landei aus der Provinz Malente, das nach Berlin zieht und dort allmählich zur erwachsenen Frau heranreift. Dennoch verkommt Lesbe Rosalie (Sandra Borgmann), Mitbewohnerin und beste Freundin von Lolle, nicht zur einfältig gestrickten Nebenfigur, die lediglich dazu benutzt wird, die Serienhandlung voranzutreiben

Die WG

Statt dessen bekommt Rosalie, ebenso wie Mitbewohner Sven und Nachbar Hart (letzterer allerdings weniger) einen eigenständigen und ernstzunehmenden Handlungsstrang. Rosalie muss sich mit den Höhen und Tiefen des SchauspielerInnen-Daseins auseinandersetzen, sie muss sich mit ihrer nervigen Schwester herumschlagen, sie muss als Taxi-Fahrerin ihre finanzielle Existenz sichern, und bei all dem Generve noch den Überblick und ihr großes Herz bewahren. Trotz der flotten und humorvollen Erzählweise der Serie ist die Figur der Rosalie diejenige mit dem größten Realitätsgehalt - wer hätte das von einer lesbischen Serienfigur zu hoffen gewagt?

 
I Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft

Lolle war eigentlich nur mal so nach Berlin gefahren, um sich nach dem bestandenen Abitur eine gute Zeit mit Jugendfreund Tom zu machen - den sie allerdings prompt auf dem Berliner Wochenmarkt beim Küssen mit einer anderen erwischt. Bei der "anderen" handelt es sich um Bernadette, offizielle Freundin einer blonden Frau namens Rosalie, die ebenfalls auf dem Wochenmarkt entgeistert das Techtelmechtel beobachtet, und mit der sich Lolle denn auch gleich verbündet. Gemeinsam wollen sie den beiden untreuen PartnerInnen den Garaus machen - und werden ganz nebenbei zu Freundinnen.

Die WG

Lolle entschließt sich, in Berlin zu bleiben, Comic-Zeichnerin zu werden und bei ihrem Cousin Sven einzuziehen. Rosalie zieht gleich mit ein und steht Lolle und Sven von nun an tatkräftig zur Seite. Mit dem Zurückgewinnen der beiden Partner wird es allerdings nichts: Lolle verzichtet freiwillig auf Tom, Rosalie auf Bernadette. Nun steht der gemeinsamen Jagd auf Jobs, Männer und Frauen nichts mehr im Wege.

Zunächst müssen die beiden allerdings Sven von einer Brücke retten, auf die der Unglückliche gestiefelt ist, nachdem ihn seine Ex-Frau Sylvia mal wieder geärgert hat und außerdem seine Start-up-Firma kurz vor der Pleite steht. Leider kommen Lolle und Rosalie gar nicht erst zur Brücke, weil ihr Taxi-Fahrer vornehmlich mit Drogengeschäften und weniger mit Taxi-Fahren beschäftigt ist, und sie anschließend auch noch von drei Skins aufgegabelt werden, die schon seit langem hinter Rosalie her sind. Während Lolle und Rosalie in die Keller Berlins flüchten, rettet Hart Svens Firma, und dieser wiederum schließt ganz wunderbare Bekanntschaften auf der Brücke, die ihn zum Glück davon abhalten, sich vom Diesseits zu verabschieden.

In den nächsten Folgen setzen sich Lolle und Rosalie noch mit so manch' seltsamen Zeitgenossen auseinander, zum Beispiel mit Chuckie, dem bekifften Masseur von Sandra Bullock, mit Mr. Psycho, der alternden Schildkröte von Hart, mit Max Bittner, der aus dem Altersheim geflüchtet ist, um seine Jugendliebe zu finden, und mit zwei russischen Mafia-Angehörigen, die mal eben sehr verlockende Eine Million Euro mit sich herumtragen. Doch in allererster Linie müssen sie sich mit männlichen und weiblichen Liebhabern herumschlagen.

Als erstes versucht sich Lolle (auf Rosalies Rat "Du brauchst dringend Sex") im One-Night-Stand mit Sebastian, den sie anschließend aber nur schwer wieder los wird. Richtige Liebe wird es dagegen, als Lolle beim Jobben im Restaurant "Jaffa" ihren (verheirateten) Chef Moshe kennenlernt. Da Moshe ihre Gefühle erwidert, werden die beiden vorübergehend ein Paar, aber Moshe ist letztlich nicht bereit, seine Familie aufzugeben, und so bleibt Lolle und Moshe schließlich nur die schmerzliche Trennung.

Währenddessen wird Rosalie, die sich jüngst erfolgreich gegen Harts Herumgebbaggere gewehrt hat, von Svens Kundin Frau Weissengerber beim Geschäftsessen angemacht und landet prompt mir ihr im Bett. Da Rosalie aber so eine ehrliche Seele ist, bringt sie es nicht übers Herz, die Bankerin weiter anzulügen und beichtet ihr, sie sei in erster Linie aus Freundschaft zu Sven auf ihr "Angebot" eingegangen, um dessen vom Ruin bedrohte Firma zu retten. Na ja, das war's dann mit der Bankerin...

 
II Ein Kuss ist ein Kuss ist ein Kuss

Statt zärtlicher Frauenküsse muss Rosalie nun den häuslichen Überfall ihrer Schwester Katinka über sich ergehen lassen, die für eine "Big Sister"-Sendung in den Container gehen will und ihr Baby Emil bei Rosalie ablädt, so dass diese im Rahmen ihrer unverhofften mütterlichen Fürsorge schließlich ihren Job verliert. Darüber hinaus muss sich Rosalie auch noch um die von Moshe frisch getrennte und daher zu Tode betrübte Lolle kümmern. Nach dem Motto "Reden ist Blech, was tun ist Gold" schleppt sie Lolle zum Inline-Skaten und unterstützt sie auch beim telefonischen Beratungs-Gespräch mit Radio-Night-Talker Dr. Strangelove. Folge dieses Gespräches sind ein ganzer Stapel von potentiell partnerwilligen Berliner Männern, die Lolle unbedingt kennenlernen wollen. Lolle ist auch durchaus nicht abgeneigt, aber schon bei den ersten Dates stellt sich heraus, dass der richtige Kandidat wohl nicht dabei ist. Und damit ist die Zeit gekommen, dass Lolle so richtig, aber so richtig die Nase voll von Männern hat.

Deshalb passt es ihr auch gar nicht, als plötzlich ihr spanischer Sandkistenfreund Antonio an ihre Türe klopft und charmant um Einlass bittet. Dennoch kommt Lolle das Klingeln an der Haustür nicht so überaus ungelegen, denn dem Klingeln ist folgende Szene vorausgegangen:

Es ist Samstagabend und Rosalie, die vor kurzem Corinne kennengelernt hat, verabschiedet sich ausgedeeeehnt von dieser. Lolle hat bereits den Fernseher angeschmissen, weil sie mit Rosalie zum gemeinsamen "Dr. Sommerfeld"-Gucken verabredet ist, und zwar, um Rosalie zu begutachten bzw. zu bewundern, die in der Serie eine kleine Rolle übernommen hat. Rosalie steigt zu Lolle auf's WG-Sofa und die Fernseh-Session kann beginnen. Allerdings ist Lolle etwas unkonzentriert, weil noch ziemlich gebeutelt von den frustrierenden Männererfahrungen der letzten Monate.

"Ich hab' echt die Nase voll von den Männern", muffelt sie. "Wozu braucht man überhaupt Männer?" - "Ja, das musst du mich nicht fragen", spricht Rosalie gelassen Richtung Fernseher. Lolle klagt weiter: "Ich hab' in meinen Beziehungen bisher immer nur Komplikationen gehabt. Wieso kann das nicht so einfach sein wie mit dir? Ich kann mit dir lachen, ich kann mit dir weinen, und wenn wir uns streiten, vertragen wir uns gleich wieder." Rosalie nickt zustimmend - "Ja, die perfekte Beziehung" -, und Lolle nickt ebenfalls. "Ja, genau." - "Fehlt nur noch der Sex", fügt Rosalie hinzu. Spricht's und knabbert sinnlich-genüsslich an den Vorräten der WG-Chips. "Aber so ist das halt mit den Frauen: Entweder sie sind besetzt oder hetero." Und während Rosalie sich wieder auf die Heldentaten von Dr. Sommerfeld konzentriert, erfährt Lolles kleine heterosexuelle Welt gerade eine ziemliche Erschütterung. Entgeistert starrt sie Rosalie an - da plötzlich klingelt es an der Tür, und besagter Antonio ("El Torro") schneit mit einem Strauß roter Rosen hinein.

Die WG

Der Abend nimmt einen sehr unschönen Verlauf, denn Antonio gefällt sich darin, auf der Dachterrasse in Gegenwart Lolles den Vollmond ("la luna") anzubeten. Lolles abrupt einsetzender Müdigkeitsanfall und die damit einhergehende Flucht ins sichere Bettgestell nützen ihr wenig, denn Antonio passt es gar nicht, so allein auf der Dachterrasse zu sein. Er schlüpft zu Lolle unter die Bettdecke, die wiederum unter derselben hervorschlüpft und Durst vortäuschend in die Küche flieht, Antonio hinterher. Jetzt bleibt nur eins: "Rosalie und ich - wir sind zusammen - und ich übernachte heute abend bei ihr." Gesagt, getan. Lolle schleicht zu Rosalie unter die Decke: "Ich hab' ihm erzählt, dass ich lesbisch bin." - "Sind wir das nicht alle?" ist Rosalies lapidarer Kommentar, bevor beide sanft entschlummern.

Am nächsten Tag bekommt Rosalie beim Casting für den Werbespot einer Sparkassenwerbung echten Ärger: Das Küssen des verliebten Paares (Rosalie und der Anwärter für die Rolle eines zukünftigen Familienvaters) in der Szene "Picknick im Garten" ist dem Regisseur eindeutig zu leidenschaftslos. Er kommt zu dem Schluss, dass die fehlende Leidenschaft darauf zurückzuführen ist, dass bei dem picknickenden Paar zu viel Homosexualität im Spiel ist. Also wird der männliche Picknickpartner (der sich tatsächlich als schwul herausstellt) entlassen - und Rosalie darf einen anderen Partner küssen. Viel besser, findet der Regisseur...

Der Kuss

Unterdessen sitzen Lolle und Antonio in Lolles chinesischem Lieblingsimbiss, und Lolle ist weiterhin dabei, Antonios Annäherungsversuchen zu entgehen. Als Rosalie vom gelungenen Casting beglückt im Imbiss auftaucht, besteht Lolle darauf, dass sie für den Rest des Tages ihre Liebste mimt. Nach einigem Zögern ist Rosalie schließlich bereit. Sie verpasst Lolle einen sehr überzeugenden, atemberaubenden Hollywood-Kuss, der sämtliche Umstehenden augenblicklich alles fallen lassen lässt, was sie gerade in den Händen halten. Und hätte Lolle etwas in den Händen gehalten, hätte sie es garantiert auch fallen lassen.

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