Die LUST-Kolumnen
Geschichten aus dem medialen Alltag - Teil 1
Die erste von insgesamt drei Medien-Kolumnen, die ich für die Zweimonatszeitschift LUST (Lesbische Und Schwule Themen) verfasst habe - über Lesbisches, Schwules und anderes im aktuellen TV-Geschehen.
Die anderen beiden Kolumnen findet ihr hier: Infantile Imperative (2) und Gut so? (3).
H o l g e r , M a x u n d T e n z i n g N o r g a y
A p r i l 2 0 0 1
Wenn ich an das Fernsehgeschehen der letzten Monate denke, so finden sich meine Lieblinge weder in einer Reportage noch in einer Serie - es sind natürlich Holger und Max aus der Iglo-Werbung! Gewiß, man könnte einiges an dem Spot kritisieren, aber festzuhalten bleibt doch, daß es die allererste deutsche Werbekampagne ist, die "schwul" wirbt.
 Denn, liebe WerbestrategInnen, liebe Firmen und auch Parteien: "Heimliche" Werbung in unseren Medien, um unsere Kaufkraft oder Stimmen zu gewinnen, ohne die gemeine Hete zu verschrecken, sowie äußerstenfalls harmlose männliche Kaffeetanten oder eine Seite im IKEA-Katalog, die so subtil ist, daß ich immer noch Zufall vermute - das zählt für mich nicht! Gewisse Gruppierungen können ihre Botschaften wie "Hessen soll wärmer und weiblicher werden" ruhig steckenlassen, solange sie sie nicht wirklich öffentlich verkünden.
Nein, hier leistet jemand Pionierarbeit und riskiert auch ein bißchen Gegenwind (auch wenn das Hauptziel der Promotion natürlich bleibt, Produkte zu verkaufen). Und deswegen: Freßt Fertigfutter - dafür haben sie unsere Unterstützung verdient!
Das ganze Leben ist ein Quiz, und wir sind nur die Kandidaten. Das wußte schon Hape Kerkeling.
In einer Zeit, in der sich Leute in Daily-Trash-Shows (oder Containern) ankeifen und längst überwunden geglaubte Verirrungen des frühen Privatfernsehens (Shopping-TV) Wiederauferstehung feiern, wurde auch eine weitere olle Kamelle aus der Versenkung geholt und aufpoliert: das Fernsehquiz. Verbunden mit der Chance auf hohe Gewinne, wurden "Wer wird Millionär" und seine Plagiate zu Quotenhits.
Mir gefällt's genauso gut wie z.B. Hella von Sinnen (welche übrigens in einer Promi-Ausgabe von "WWM" eine sehr unterhaltsame Performance als Kandidatin gab) und ihrer Gattin. Im Vergleich mit den eingangs erwähnten Sendungen kann man ja fast von Intellektuellenfernsehen sprechen. Wie gesagt: fast. Ich jedenfalls finde die Nuancen in Jauchs Pokerface allemal spannender als z.B. weißbekitteltes Gutmenschentum in Serie. Oder Late-Night-Shows, die ihren Erfolg nicht zuletzt auf dem Rücken geouteter Promis begründen und Satire und Provokation nur um ihrer selbst und der Quoten willen betreiben. Oder angeblich fernsehkritische Sendungen, die den Bratzenbaracken dieser Welt erst zu Popularität verhelfen, oder amerikanische Fließband-Comedy mit eingeblendeten Lachsalven.
Einige Highlights der Quiz-Shows bleiben haften: etwa das professorale Plaudertäschchen, das die erste Million abzockte. Und wer behauptet, man würde dabei doch nichts lernen, dem sei versichert, daß ich einen Namen nie vergessen werde: Tenzing Norgay (die Antwort auf des Professors letzte Frage).
So spricht denn in meinen Augen nur ein Argument gegen diese Shows: An der besten und erfolgreichsten verdient ausgerechnet der durchgeknallte Holländer kräftig mit, der uns die Containerdeppen beschert hat!
Was gab's sonst in der Glotze?
Per Late-Night-Zappping landete ich kürzlich bei der Oscar-Show. Also, es war noch nicht die echte, bei der man bis zum Morgengrauen 30 Werbeblöcke anschaut, um ein paar gute Gags des Moderators zu hören und am Ende zu wissen, daß die kommerziell erfolgreichsten Filme mit der gagefördernden Statue ausgezeichnet wurden. Sondern die schätzungsweise 9 Stunden lange Pre-Oscar-Show, wo wir Cineasten von aufgeregten Hofberichterstattern am roten Teppich mit brandheißen News versorgt wurden: Woher hatten die Stars ihre Garderobe, was waren ihre Klunker wert, und hatten sie morgens gefrühstückt?
Da stand nun der Reporter und ergatterte die Aufmerksamkeit einer Schauspielerin. Die unterbrach seinen investigativen Journalismus, um freundlich ihren Begleiter vorzustellen: Armistead Maupin. Der ahnungslose (übrigens in den USA aufgewachsene!) Interviewer ließ sich von diesem Nobody aber nicht weiter irritieren, galt es doch aufzuklären, woher die Frau ihr tolles Kleid und was sie morgens getan hatte. Sie hatte übrigens gefrühstückt.
Neben der erfreulichen Tatsache, daß Maupin noch frisch und munter unter uns weilt, hat ein weiterer Promi unserer Szene meine Fernsehwoche gerettet. Womit wir wieder bei einer Quiz-Show angelangt wären - diesmal beim SAT 1-Imitat, das ein Promi-Special veranstaltete. TV-Ärzte und -Schwestern als KandidatInnen. Die DarstellerInnen (und damit die zweifellos künstlerisch wertvollen Serien) waren mir unbekannt, bis auf einen: Georg Uecker ("Carsten" aus der Lindenstraße).
Wir werden vielleicht nie von ihm erfahren, woher er sein Jackett hatte (er erwähnte allerdings, daß ihn ein befreundeter Kostümbildner in Modefragen berät) oder ob er an dem Morgen frühstückte. Dafür bekam er die Frage vorgelegt, wer denn wohl der Generalsekretär der FDP sei - und umgehend einen Lachanfall: "Na, das muß ich ja wissen, da bin ich ja sozusagen Fachmann..."
In diesem Sinne wünsche ich Euch weiterhin spannende Fernsehstunden!
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