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Die LUST-Kolumnen

Geschichten aus dem
medialen Alltag - Teil 2

Dies ist die zweite von insgesamt drei Medien-Kolumnen, die ich für die Zweimonatszeitschift LUST (Lesbische Und Schwule Themen) verfasst habe - über Lesbisches, Schwules und anderes im aktuellen TV-Geschehen.

Die anderen beiden Kolumnen findet ihr hier: Holger, Max und Tenzing Norgay (1) und Gut so? (3).


I n f a n t i l e  I m p e r a t i v e

G e s c h i c h t e n  a u s  d e m
m e d i a l e n  A l l t a g

J u n i  2 0 0 1

Was hat sich ereignet in den von uns allen so geliebten Massenmedien, wer hat uns gut unterhalten, gar etwas Sinnvolles gesagt oder aber sich komplett blamiert?

Von Holger und Max, dem ersten schwulen Pärchen der deutschen Fernsehwerbung, ist zu vermelden, dass sie sich ungebrochener Be- (und Ver-) liebtheit erfreuen und einander mittlerweile im Sinne einer gleichberechtigten Beziehung politisch korrekt bekochen, also wechselseitig. Was wollen wir mehr? Bleibt eigentlich nur noch zu hoffen, dass es nicht weitere 50 Werbejahre dauert, bis die bunten Kurzfilmchen auch die Existenz von Lesben wiederspiegeln.

Ein Medienereignis der letzten Zeit war zweifellos der Parteitag der FDP, an dessen Ende der neue Vorsitzende verkündete, die Partei habe sich von dem Motto "klein, aber fein" getrennt. Gut - denn fein fand ich die eigentlich noch nie! Und das nicht erst, seit sie vor einigen Jahren unsere Gesellschaft einteilten in "Leistungsträger" und – ja, ein Wort wie etwa "Loser" oder "Schmarotzer" zu verwenden, dazu waren sie sich natürlich zu... fein. Das haben sie anderen überlassen. (Offenbar beläuft sich die Zahl der "Leistungsträger", welche die FDP laut damaligem Bekunden vertritt, auf exakt 18 Prozent, denn die peilt sie ja neuerdings als Wahlergebnis an.)

 

C l o c k w o r k  C h r i s t i a n s e n

Nicht zuletzt der verantwortungsvollen Vorarbeit der Liberalen ist zu verdanken, dass eine der letzten Christiansen -Sendungen unter dem Motto "Sind wir ein Volk von Sozialschmarotzern?" stand. Schön, dass sich seriöse Formate heutzutage viel mehr am Boulevardjournalismus orientieren als noch vor einigen Jahren! Dem Volk aufs Maul schauen, sozusagen. Ganz egal, wie viel Schaum da gerade runtertropft.

So wäre auch vor 10 Jahren kein Tagesschau-Redakteur jemals auf die Idee gekommen, die Zeitung mit den gut leserlichen Überschriften zitieren zu lassen. Heute ist das gang und gäbe. Und wie freute ich mich vor ein paar Monaten, als ich eines Freitagabends eine gepflegte NDR-Talkshow einschaltete und mir tatsächlich eine BB-Fressse entgegengrinste, als würde sie dort hingehören!

A propos Schlüsselloch-Verblö... ähm, -Sendungen: Der Spuk scheint ja langsam ein Ende zu nehmen. Es gab nämlich eine Zeit, in der es keineswegs ausreichte, die entsprechenden Sendungen einfach nicht einzuschalten. Nein, auf jedem privaten Kanal wurde man entweder von neckischen Trailern oder den infantilen Imperativen der Titelträllereien ("Zeig mir dein Gesicht!" – nein, bitte lass es - oder "Gib mir 100 Prozent von dir!") penetriert. Ich persönlich entwickelte damals erstaunliche Kämpferqualitäten in der Disziplin "Spießrutenzapping”.

Christiansen übrigens entschädigte eine Woche nach dem Schmarotzer-Schwachsinn mit einer sehenswerten Sendung. Thema: Sozialgesetzgebung für Prostituierte. Alice Schwarzer und Hellmuth Karasek waren gut in Form, die feministische Nonne störte nicht wirklich, und der Pfaffe machte sich komplett lächerlich.

Das Erstaunlichste aber war zweifellos die endgültige Manifestation der großen Christiansen-Metamorphose, die sich jahrelang und schleichend vollzogen hat. Und dies ist das Ergebnis: Sabine Christiansen redet inzwischen mit Frauen - gerade so, als wären es ganz normale, ernstzunehmende Gespächspartner! In jener Sendung etwa hatte sie gleich drei weibliche Humanoide zu Gast und bekam trotzdem keine epileptischen Anfälle.

Welche therapeutischen Maßnahmen wohl nötig waren, um ihr anfängliches kleines Problem zu bewältigen? Stand ihr ein vielköpfiges interdisziplinäres Coaching-Team zur Seite? Musste sie einem Psycholanalytiker Rede und Antwort liegen, welche frühkindlichen Konflikte mit ihrer Mutter wohl an ihrem Verhalten schuld waren (so wie viele Schwule und Lesben noch vor wenigen Jahren und manchenorts heute noch, um die "Ursache" für ihre "Perversion" zu ergründen)?

Noch besser gefällt mir die Vorstellung, in der sie sich heroisch vorm Spiegel autosuggestive Sätze vorbetet, z.B.: "Frauen sind auch Menschen, Männer sind auch nur Menschen, Frauen sind..." und ein ums andre Mal laut "neiiin” schluchzend dramatisch in sich zusammenbricht.

Oder aber wurden ihr zu den Klängen von "Freude, schöner Götterfunken” Filme mit diskutierenden Frauen vorgeführt, und jedes Mal, wenn sie dazwischengehen wollte, bekam sie Elektroschocks verabreicht? Wir werden es nie erfahren, aber es hat definitiv gewirkt.

Jedenfalls habe ich für diese Sendung glatt das zeitgleich laufende Special mit Rückblicken auf Hape Kerkelings Fernsehschaffen geschwänzt. Den Entertainer, um den es nach seinem spektakulären Outing durch Rosa von Praunheim in der Harald Schmidt-Show jahrelang still war (paranoid, wer da einen Zusammenhang sieht!), hat man anschließend in eher albernen Shows verheizt. So mancher junge Mensch wird daher nicht wissen, woher z. B. Stefan Raab die Idee hat, wildfremden Leuten - berühmt oder nicht - auf irgendwelchen Veranstaltungen auf amüsante Art das Leben schwerzumachen. "Hapes halbe Stunde" wird es noch öfter geben (So, 22 Uhr 15, Sat 1). So kommen wir hoffentlich erneut in den Genuss der "Hallo-hier-ist-wieder-Hannilein"-Spots oder des legendären "Hurz", mit dem er das kulturbeflissene Bildungsbürgertum vorführte – Lachkrampf garantiert!

Was die Outings bei Schmidt angeht (er selbst nannte ja auch gewisse Namen), sollten wir den Stein nicht allzu weit ins Heten-Lager werfen. Meines Wissens hat er sich für diese Entgleisungen nie entschuldigt – und trotzdem gibt sich auch die schwullesbische Prominenz bei ihm die Klinke in die Hand.

 
S c h o n  ' n e  F r e u n d i n ?

Wo wir schon bei Raab sind (doch dies betrifft weiß Gott nicht nur seine Sendung): Bei TV Total war neulich ein sechsjähriger Junge zu Gast, der Lieder zum Besten gab, darunter eine beachtliche Version von A Love Supreme. Warum aber lässt man einen Sechsjährigen ein Stück wie Sex Bomb singen, oder besser: Was ist eigentlich so wahnsinnig lustig daran, sich von Kindern imitierte Erwachsenen-Sexualität (omnipotente Macho-Hüftschwünge, Stöhnen und dergleichen) anzuschauen? Sind vielleicht dieselben Leute, die sich dabei auf die Schenkel klopfen, die, die sich ganz besonders laut über Kindesmissbrauch empören? Zumindest ist es die gleiche Haltung, die in Sätzen wie "na, junger Mann (besser noch: kleiner Mann), schon 'ne Freundin?" zutage tritt. Und tatsächlich hat der Moderator dem Knirps diese Frage noch gestellt. Hoffentlich antwortet irgendwann mal ein Kurzer: "Nee, und du – noch 'ne Prostata?"

Hach, ich schweife immer so ab, ich wollte doch eigentlich nur etwas über die FDP loswerden... Was schwul-lesbische Belange angeht, hatten die freiheitlichen Damen und Herren zwar von jeher eine liberale Einstellung, doch es ist schon eine ganze Weile her, dass den Bekenntnissen auch Anstrengungen gefolgt sind. Politische meine ich, nicht zwischenmenschliche. In der LUST konnten wir die Stellungnahmen zum "Lebenspartnerschaftsgesetz" von Westerwelle & Co. nachlesen, deren Bedenken sehr viele von uns teilen. Es fragt sich nur: Wenn sie "das Anliegen, eine Diskriminierung gleichgeschlechtlicher Lebensweisen [...] in unserem Recht zu beseitigen" (Westerwellte lt. LUST Nr. 63, S. 25) wirklich teilen – wieso haben sie dann gewartet, bis das Kind in den Brunnen gefallen ist? Wenn man als Koalitionspartner der CDU schon in vorauseilendem Gehorsam keine Gesetzesinitiativen vorschlagen mochte (warum eigentlich – hier hätte sich vielleicht quer durch die Parteien eine Mehrheit gefunden), so wäre in der langen Zeit des Hinhaltens durch Rot-Grün noch ausreichend Zeit gewesen.

Und dennoch – falls die Westerwelle-Truppe ihr erklärtes Ziel, die Grünen vom politischen Parkett zu fegen, tatsächlich erreichen sollte, so werde ich ihr stehend applaudieren. Gerade die Farce um die sogenannte Homo-Ehe ist ein schönes Lehrstück in Sachen politischer Prostitution der einstigen HoffnungsträgerInnen – beliebig übertragbar auf Friedens-, Atom- und Umweltpolitik.

 
M a r o d i e r e n d e  L e s b e n b a n d e n

Ich will gern zugeben, dass meine kleine Medienkolumne bisher ein klitzekleines bisschen
fernsehlastig ausgefallen ist, doch damit ihr seht, dass ich an mir arbeite – voilà, hier mein Fundstück aus dem Printbereich.

Die Vorgeschichte: Prinz erwähnte auf seinen Gay-Seiten einen neuen Frankfurter Club. Die Betreiber verwahrten sich jedoch dagegen, als schwuler Laden zu gelten. Die Zeitschrift reagierte angemessen verschnupft – sie würde den Club gewiss nie mehr an dieser Stelle nennen, und es gäbe in der Gegend ja genügend Etablissements, in denen Schwule und deren Geld willkommen seien. Daraufhin stellten die Besitzer klar; dass ihr Laden selbstverständlich auch offen für Schwule sei, nur eben nicht ausschließlich, die Mischung ergebe sich von selbst. So weit, so unspektakulär. Ein Satz aber ließ mich aufhorchen:

    "Uns ist jeder Besucher willkommen. Eins bleibt klar: Schwulenhasser, aber auch Hetenhasser, müssen draußen bleiben.” (Prinz 05/ 01, S. 120, Hervorhebung von Ivanova)

Ja, wer kennt sie nicht, die HetenhasserInnen, die schon im zarten Kindesalter AltersgenossInnen "du normale Sau” hinterherrufen, später übelste Hetenzoten erzählen und sie am liebsten umtherapieren, kriminalisieren oder mit Ehe-Sondergesetzen ausgrenzen würden.... Ganz zu schweigen von den marodierenden Lesbenbanden, die des nachts durch unsere Grünanlagen streifen, um unschuldige Heten zu klatschen! Danke, liebe "Pulse”-Leute, dass ihr das heiße Eisen der zunehmenden Stino-Diskriminierung endlich mal angepackt habt, und dass diese wenigstens bei euch einen geschützten Raum vorfinden!

 
S e l i g   s i n d   d i e   g e i s t ig   B l o n d e n ,
d e n n   s i e   s i n d   m e i s t e n s   s t e i n r e i c h

Falls irgend jemandem noch der endgültige Beweis für die völlige Überflüssigkeit des Adelsstandes fehlte – die Fürstin von Thurn und Taxis hat ihn unlängst bereitwillig geliefert. Ihre glorreiche Performance fand in der Talkshow von Michel Friedman statt, und die entsprechenden Ausschnitte wurden ja oft genug wiederholt. So klärte uns Ihre Ignoranz nicht nur darüber auf, dass Sex und Fortpflanzung gefälligst zusammengehören (bizarre Vorstellung, oder?!).

Sondern auch darüber, wie das so kommt mit dem vielen Aids in Afrika: Weil sie halt so gerne schnackseln (ihr verschwiemelter Euiphemismus für "Sex haben"), die Schwarzen. Ich weiß zwar nicht, wer den Begriff "blondgesträhnter Hohlkörper” (in Bezug auf Dieter Bohlen) erfunden hat, doch er passt auch hier vortrefflich. Neben dieser Art von Inkontinez muten prinzliche Pieseleskapaden doch geradezu harmlos an.

Vielleicht sollte mal jemand die fürstliche Hohlbirne mit der Info anreichern, dass gerade der weiße Sextourismus (und die große Armut) in Afrika die Verbreitung von HIV ganz wesentlich bedingt hat. Doch so ein launiges Statement über den Schwarzen an sich ist allemal bequemer, als sich mit der eigenen Rolle als Herrenmensch auseinanderzusetzen, und Denken will halt auch gelernt sein.

Und dennoch sei die Frage gestattet, was jemand wie sie, die sich schon früher durch erzreaktionäre bi dummdreiste Äußerungen hervorgetan hat, eigentlich in einer gehobenen Talkshow zu suchen hat. War ihre Qualifikation vielleicht, dem gleichen politischen Lager anzugehören wie der Gastgeber, und sollte nicht allein dieser Umstand Herrn Friedman anregen, seine Positionen noch einmal zu überdenken?

 
Q u o t e  m i t  Z o t e

Auch an anderer Stelle griff man tief in die Kiste der Plattheiten. Am Morgen des Sonntags, an dem "Wambo" lief (ein Film über Walter Sedlmayer), kommentierte man in Weckup die oben erwähnten Zeitung für Kurzsichtige, die stilsicher titelte: "Der Mörder kam von hinten", etwa so: kein Wunder, das sei ja wohl öfter der Fall gewesen, dass da jemand von hinten kam.

Noch mal kurz zurück zur Werbung: Was John Lennon wohl dazu sagen würde, dass mit seinem Imagine Reklame für Atomstrom gemacht wird?

Wie dem auch sei, ich wünsche euch diesmal nicht nur spannende Fernseh- und Lesestunden, sondern vor allem eins: so viel "sinnlosen” Sex wie ihr euch erträumt! Oder, in Anlehnung an einen Hochtzeitsschwur der etwas anderen Art (wenn ich nur noch wüsste, aus welchem Buch):

Take each other as often as you can for as long as it may last!

Ivanova


Diskutiert das aktuelle Mediengeschehen im Forum.

 

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